AUTORINNEN-INTERVIEW

Das Interview entstand kurz vor Veröffentlichung von Berthe Obermanns’ zweitem Roman »UND HINTER MIR DAS NICHTS«, den ich vorablesen durfte. Die Autorin war so nett und hat mir und meiner Buddyread-Partnerin Tamara einige Fragen beantwortet, wofür ich mich herzlich bedanke.

Liebe Berthe, wie ich deiner Vita entnehmen konnte, arbeitest du ja hauptberuflich als Strafverteidigerin. Wie ist deine Leidenschaft für das Schreiben entstanden? Kannst du uns erzählen, wie und wann dir klar wurde, dass du ein Buch schreiben und veröffentlichen willst?

Den einen, bewussten Moment, in dem ich mit dem Schreiben begonnen habe und das Ziel hatte, ein Buch zu veröffentlichen, gab es so nicht. Mein Debütroman ist eher zufällig entstanden – ursprünglich aus einer Kurzgeschichte, die mich nicht losgelassen hat. Daraus wurde ein fertiges Manuskript und ich bin sehr glücklich und dankbar, dafür eine Agentur und einen Verlag gefunden zu haben.

Kannst du beim Schreiben in irgendeiner Weise von deinem juristischen Job profitieren, gibt es für dich da eine Schnittstelle?

Mich haben immer die Geschichten der Menschen interessiert, die juristischen Rat suchen. Gerade im Straf- und Migrationsrecht sind das häufig sehr schwere Schicksale, die mich oft lange beschäftigen und die deshalb sicher auch meine Texte prägen. Das juristische Schreiben dagegen macht es mir eher schwer – ich brauche immer eine Pause, um „umzuschalten“, um also von einem juristischen (oder auch journalistischen) zu einem literarischen Text zu wechseln, damit ich die Stile nicht vermische.

Viel Zeit bleibt dir da ja bei zwei Jobs nicht. Wann schreibst du denn überwiegend? Bist du eher eine Am-Stück-Schreiberin oder sind längere Pausen kein Problem für dich?

Ja, die fehlende Zeit ist wahrscheinlich das größte Problem. Ich schreibe sehr gerne nachts – wenn draußen alles ruhig ist, kein Telefon klingelt, keine Mail aufploppt, die Welt sich gefühlt ein bisschen langsamer dreht. Dann ist für mich der beste Moment zum Schreiben. Längere Pausen sind kein Problem oder manchmal vielleicht sogar ein Muss, um das Geschriebene zu verarbeiten und den Figuren Raum zu geben, sich weiterzuentwickeln.

In wenigen Tagen erscheint dein 2. Buch »Und hinter mir das Nichts«. Ich stelle mir das unheimlich aufregend vor, vielleicht ein bisschen wie Weihnachten. Wie geht es dir, jetzt so kurz vor der Veröffentlichung?

Die Aufregung hält sich aktuell noch in Grenzen – was vermutlich daran liegt, dass ich das Buch als Leseexemplar schon vor längerer Zeit erhalten habe. Es ist aber immer ein sehr überwältigendes Gefühl, die Geschichte und die Protagonist:innen, die ja auch ein Stück des eigenen Lebens werden, in die Welt zu entlassen. Mein Lektor meinte dazu mal, dass es ein bisschen sei wie mit den eigenen Kindern: „Irgendwann muss man sie ziehen lassen.“ So fühlt es sich momentan an.

Um was geht es in deinem neuen Roman und was hat dich zu dieser Geschichte inspiriert?

In erster Linie geht es um Demut; was macht es mit uns, wenn wir uns unserer eigenen Endlichkeit bewusst werden? Was, wenn wir uns aus Angst vor einer Auseinandersetzung mit dem Sterben und unserer Vergangenheit an einen vermeintlichen Sinn im Leben klammern? Die Frage, was mich zu der Geschichte inspiriert hat, kann ich nicht wirklich beantworten – mir kam die Figur der Nikto irgendwann in den Sinn und daraus ist letztendlich der Text entstanden.

Welche Leser*innen möchtest du damit ansprechen? Gibt es etwas, dass du ihnen vielleicht mit auf den (Lese)weg geben möchtest?

Ansprechen möchte ich alle Menschen, die sich für psychologische und philosophische Fragestellungen interessieren und für Themen, die gesellschaftlich tabuisiert sind. Mit auf den (Lese)Weg geben möchte ich meinen Leser:innen nicht allzu viel, weil „Und hinter mir das Nichts“ vermutlich ein Text ist, an den man möglichst unvoreingenommen herangehen sollte. Offenheit schadet aber auf jeden Fall nicht.

In deinen beiden Büchern geht es immer wieder um die menschliche Psyche, um Ausnahmesituationen, um die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Tod. Was fasziert sich so an diesen Themen?

Ich schreibe am liebsten über Themen, die gesellschaftlich tabuisiert sind, wie beispielsweise sexuellen Missbrauch und psychische Erkrankungen. Und der Tod ist vielleicht das größte Tabu überhaupt. Eine wahre Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit findet so selten statt, obwohl es, denke ich, wichtig ist, sich damit zu beschäftigen und sich auch der eigenen Rolle in der Welt bewusst zu werden.

In deinem Buch zitierst du eine Zeile aus einem Song von Fortuna Ehrenfeld. »Man lebt am Rande irgendeiner Bedeutung.« Ich habe mir das Lied natürlich sofort angehört und finde es textlich stark und nachdenklich. Hat der Satz oder der Song für dich eine tiefere Bedeutung?

Während des Schreibens an „Und hinter mir das Nichts“ war ich auf einem Konzert von „Fortuna Ehrenfeld“ und sofort begeistert; vor allem von ihren Texten. Und der Song passte einfach so perfekt zu meiner Geschichte – die zitierte Zeile sagt im Grunde schon fast alles aus; deshalb musste ich sie unbedingt einbauen; ein bisschen als Dankschön an diese großartige Band und das, was ihre Lieder in mir auslösen, ein bisschen aber auch einfach so – weil es sich anfühlte, als müsste es genau so sein.

Nun setzt du dich ja sehr mit dem Thema Sinnfindung auseinander. Etwas, das wir wohl alle kennen. Was sind spontan die drei Dinge, die dir einfallen, die deinem Leben einen Sinn geben?

Die Sinnfrage finde ich schwierig; es gibt aber vieles, was mir Halt oder Sicherheit gibt, was mein Leben lebenswert macht – das sind auf jeden Fall mein Hund, meine Familie, meine Freund:innen, die Momente, in denen ich nur im Hier und Jetzt sein kann (leider gelingt mir das nicht allzu oft), alles, was mich inspiriert, gute Filme, gute Musik, die Natur, vor allem die Berge, Wanderungen und noch vieles mehr.

Wie viel »Berthe Obermanns« steckt in deinen Büchern? Falls du uns das verraten möchtest.

In meinen Büchern geht es um Themen und Fragestellungen, die mich selbst beschäftigen; in diesem Sinne sind meine Texte schon „persönlich“ und es fließen auch immer Aspekte aus meiner juristischen Tätigkeit ein. Mein Debütroman drehte sich zum Beispiel um die Frage, wie schnell die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwimmen können. Es sind immer diese existenziellen Themen – in „Und hinter mir das Nichts“ etwa der Umgang mit der eigenen Endlichkeit – die ich in mein Schreiben einfließen lasse.

Hast du literarische Vorbilder? Wie können wir Leser*innen uns dein Bücherregal vorstellen?

Mit Vorbildern tue ich mich schwer – ich würde mir niemals anmaßen, mich auch nur im Ansatz mit den Autor:innen zu vergleichen, die ich gerne lese, deshalb hier nun einfach mal ein paar meiner Lieblingsschriftsteller:innen: Samuel Beckett verehre ich sehr, genauso wie Herta Müller, Elfriede Jelinek, Sibylle Berg, Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Peter Stamm, Leila Slimani … So ähnlich sieht auch mein Bücherregal aus: eine Mischung aus Klassikern und Gegenwartsliteratur.

Wie wir auf deiner Webseite lesen können, schreibst du ja auch journalistische Beiträge, hast einen Blog, den ich sehr interessant finde. Für welche Themen machst du dich stark?

Zuletzt stand die Arbeit an anderen Projekten deutlich im Vordergrund, so schreibe ich etwa auch für die Kulturredaktion einer Zeitung. Die Themen, die mir wichtig sind und über die ich schreibe(n möchte) sind aber dieselben geblieben: Feminismus, Machtmissbrauch, Rassismus, Migration, unser Umgang mit Tieren und der Natur.

Kommst du denn überhaupt privat noch zum Lesen? Wenn ja, was waren bisher deine Lese-Highlights in 2023?

Leider momentan viel zu selten, ich versuche aber, mir möglichst oft Zeit zum Lesen zu nehmen. Meine Highlights in 2023 waren „Macht“ von Heidi Furre (so großartig) und „Wunderkind“ von Karin Smirnoff.

Was passiert nach der Veröffentlichung? Mit anderen Worten, wo können dich deine Leserinnen demnächst live erleben? Und was uns Bloggerinnen natürlich interessiert, bist du in Frankfurt auf der Buchmesse?

Zunächst einmal werde ich natürlich ein bisschen feiern und es wird wieder Lesungen geben, auf die ich mich schon sehr freue. Die Frankfurter Buchmesse werde ich auf jeden Fall auch besuchen und ich fände es toll, möglichst viele von euch dort zu sehen.

Gibt es schon neue Projekte, die dir vorschweben oder die du vielleicht schon begonnen hast?

Der Weg zu einem neuen Projekt dauert bei mir immer relativ lange. Ich plane nicht alles durch, sondern habe eine grobe Idee, aus der dann etwas entsteht. Im besten Fall entscheiden meine Figuren irgendwann selbst, wohin die Handlung gehen wird. Das ist für mich die schönste Art des Schreibens, manchmal entstehen aus den Geschichten allerdings nicht die passenden Charaktere oder umgekehrt; dann funktioniert es nicht. Vor kurzem habe ich aber ein Projekt begonnen, das sich sehr stimmig und gut anfühlt.

Was wünschst du dir von deinen Leser*innen und wie gehst du mit Kritik an deinen Büchern um?

An dieser Stelle möchte ich zunächst einmal euch Buchblogger:innen danken – für euren wertschätzenden Umgang, für eure Fragen, eure Rückmeldungen, eure Unterstützung, euer Interesse, eure Zeit; das alles bedeutet mir wahnsinnig viel und genau das wünsche ich mir auch von meinen Leser:innen. Mit Kritik kann ich gut umgehen, solange sie begründet ist und nicht respektlos oder beleidigend wird.

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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