„Vatermal“ von Necati Öziri

Werbung. Herzlichen Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

»Vatermal« von Necati Öziri ist eine eindringliche Erzählung über das zerrissene Leben einer Familie, die zwischen den Kulturen gefangen ist. Der Autor nimmt uns Lesende mit auf eine Reise durch die Nöte und Sorgen türkischer Einwanderer in der dritten Generation, einer Bevölkerungsgruppe, die einen erheblichen Teil der deutschen Gesellschaft ausmacht. Die Geschichte beginnt mit den Worten des todkranken Arda, der seinem unbekannten Vater Metin schreibt:

»Wenn du das hier liest, Papa – und hier stocke ich schon. Soll ich dich wirklich so nennen?«

Vatermal, Seite 1

Schon dieser erste Satz lässt ahnen, dass hier keine leichte Kost auf uns Lesende zukommt. Öziri enthüllt das schmerzhafte Erbe eines Vaters, der Deutschland verließ, um zurück in die Türkei zu gehen. Trotz der dort drohenden Gefahr einer Gefängnisstrafe kehrte er der Familie den Rücken. Mit seinen Worten an den Vater wird Arda zum Chronisten seines eigenen Lebens, das er aus eigenen Erinnerungen und den Erzählungen seiner Mutter und Schwester mit Leben erfüllt. Doch auch das Leben des nicht existenten Vaters beginnt sich so zu komplettieren.

Was »Vatermal« zu einem herausragenden Werk macht, ist Öziris Fähigkeit, die Nöte und Sorgen dieser Migrantenfamilie mit präzisen Worten zu beschreiben. Das Buch vermittelt eindringlich das Gefühl des Zerrissenseins zwischen zwei Kulturen, während Arda versucht, seinen Platz in der deutschen Gesellschaft zu finden. Der Autor zeigt auf, wie schwierig es ist, in einer Welt anzukommen, die nicht immer bereit ist, die Vielfalt und die Herausforderungen von Migranten zu akzeptieren.
Die Stärke des Buches liegt nicht nur in der eindringlichen Handlung, sondern auch in Öziris erstaunlich lockerem Ton. Die Erzählstimme ist fast poetisch und dennoch schonungslos realistisch und sie bringt ebenso Trauer und Verwundbarkeit zum Ausdruck. Die unausgesprochenen Fragen, die zwischen den Zeilen schweben, verleihen dem Werk eine tiefgreifende emotionale Dimension.

»Vatermal« ist nicht nur eine Erzählung über das Verlassenwerden, sondern auch eine Reflexion über die Verletzlichkeit und Unsicherheit, mit der eine ganze Generation junger Menschen konfrontiert ist. Öziri schafft es, die Erfahrungen dieser Menschen, deren Eltern oder Großeltern einen Migrationshintergrund haben, authentisch zu vermitteln. Das Buch hat das Potenzial, zu einem Klassiker der deutschen Gegenwartsliteratur zu werden, indem es die Geschichten derer erzählt, die sich bemühen, in einer Welt anzukommen, die nicht immer bereit ist, sie vorurteilsfrei aufzunehmen.

Fazit
Die außergewöhnliche Erzählperspektive, die sich auf den abwesenden Vater fokussiert, verleiht dem Roman eine ergreifende Tiefe, die mich in höchstem Maße bewegt hat. Ich brenne darauf, mehr von Necati Öziri zu lesen, doch leider werde ich wohl noch eine Weile Geduld aufbringen müssen, da dies sein Erstlingswerk als Romanschriftsteller war. Ich spreche eine eindeutige Empfehlung für die Lektüre dieses Romans aus.

Klappentext

Ein Buch von radikaler Wahrheit und unvergesslicher Intensität

»Ich möchte dir für immer die Möglichkeit nehmen, nicht zu wissen, wer ich war. Du sollst erfahren, wie es deiner Familie in Deutschland ging, wie der letzte Sommer meiner Jugend war, bevor fast alle meine Freunde verschwunden sind. Du sollst wissen, wie es war, als deine alten Freunde mir auf die Schulter klopften und sagten, ich würde irgendwann werden wie du: Held einer gescheiterten Revolution. Ich werde diese Geschichten aufschreiben.«

Necati Öziri schreibt eine Familiengeschichte über einen Sohn, eine Mutter und eine Schwester, deren Leben und Körper gezeichnet sind von sozialen und politischen Umständen. Und er schreibt über einen abwesenden Vater. Ein Roman von radikaler Wahrheit, Wut, Kraft, Liebe und Sehnsucht.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-546-10061-8
Verlag: Claassen
Erscheinungsdatum: 27. Juli 2023
Seiten: 304, Hardcover

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Über franzosenleser 73 Artikel
"Es gibt nur einen Weg, um Kritik zu vermeiden: Nichts tun, nichts sagen, nichts sein" Aristoteles

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