Vermutlich Deutscher – Vincent von Wroblewsky

Werbung. Herzlichen Dank an den Merlin Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ohne den Besuch der Leipziger Buchmesse wäre mir dieses Buch wohl nie begegnet. Ein unscheinbares Cover, doch das zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich, gefolgt vom Titel: »Vermutlich Deutscher«. Neugierig geworden las ich den Klappentext, der meine Erwartungen weiter anheizte. Es versprach eine interessante, lehrreiche Lektüre und einen neuen Blick auf die deutsch-deutsche Geschichte.

Es ist die Biografie von Vincent von Wroblewsky, dem »Sartre-Übersetzer«. Doch der Inhalt ist weitaus umfangreicher und mitreißender, als es der Klappentext vermuten lässt. Hier geht es nicht allein um Wroblewskys Leben in der DDR, das Einblicke in den teils absurden Apparat des Systems gewährt, sondern auch um die Suche des Autors nach seiner Herkunft, seiner Schöpfungsgeschichte sozusagen. Dabei stößt er auf faszinierende Details, die das Leben seiner Eltern betreffen. Die Bekanntschaft mit Ernst Thälmann, der Widerstand seiner Eltern gegen die Nationalsozialisten – all das ist packende deutsche Geschichte, und ich muss gestehen, dass ich diesen Teil äußerst fesselnd fand. Es waren Fragmente aus einer anderen Zeit, einer höchst aufregenden Epoche deutscher Geschichte, deren Facetten in der allgemeinen Geschichtsbildung der BRD bedauerlicherweise viel zu kurz kommen.

Das Buch ermöglicht einzigartige Einblicke in die deutsche Geschichte, wie es kein Geschichtsbuch vermag. Durch den mitreißenden Erzählstil des Autors tauchen wir in die Erlebnisse und Hintergründe ein, die jene Zeit prägten. Es ist eine Lektüre, die mich nicht nur gut unterhalten hat, sondern auch mein Verständnis für die deutsche Geschichte erweitert hat. Im Kleinen offenbaren sich die Absurditäten der Verwaltung in der DDR. Das Hin und Her, als Wroblewsky zum Sartre-Kongress reisen wollte und von welchen Faktoren die Teilnahme letztlich abhing – dies sind persönliche Erfahrungen, die auch jenen, die sie nicht selbst erlebt haben, das Gefühl geben, dabei gewesen zu sein.

An keiner Stelle spürt man Bitterkeit, es werden keine Vorwürfe erhoben – auch das ist bemerkenswert. Mit einer sachlichen Herangehensweise und einer leicht lesbaren, prägnanten Erzählweise gelingt es dem Autor jedoch, die Lektüre äußerst unterhaltsam zu gestalten. Beim Lesen dieses Buches war ich stellenweise genauso gebannt wie von einem spannenden Thriller und erhielt darüber hinaus außerordentlich wertvolle Informationen. Ich bekam einen einzigartigen Blick auf die vergangene DDR-Geschichte.
Wie in einem guten Roman hat Wroblewsky das Buch aufgebaut, sogar der Titel ist literarisch, wie man am Ende, auf der letzten Seite verstehen wird. Denn dort wird klar, dass es keinen treffenderen Buchtitel hätte geben können.

»Vermutlich Deutscher« verknüpft individuelle Erfahrungen mit historischen Ereignissen und sollte einen festen Platz in der deutschen Geschichtsliteratur finden.

Ich empfehle diese Biografie uneingeschränkt all jenen, die persönliche Einblicke in die Geschichte der DDR suchen und generell an der deutschen Geschichte interessiert sind. Das Buch hat mich restlos begeistert. Es hat nicht nur meine Erwartungen übertroffen, sondern mich regelrecht in seinen Bann gezogen, indem es mich tief in die Geschichte eintauchen ließ.

Klappentext:

Die Biografie des Philosophen, Dolmetschers und Übersetzers Vincent von Wroblewsky gibt einen Einblick in unbekanntere Seiten der Deutsch-Deutschen-Geschichte.
Geboren 1939 in Frankreich als Sohn des emigrierten jüdischen Kommunisten Ernst von Wroblewsky und seiner Frau Rose, bis 1933 Redaktionssekretärin im Ullstein-Verlag, kehrte Vincent von Wroblewsky 1950, im Alter von 11 Jahren, nach Deutschland zurück. Sein Ziel war Berlin Ost. Die Familie war während der Besatzung Frankreichs durch die Deutschen bei Bauern versteckt worden. Nach dem Krieg
wirkte seine Mutter als überzeugte Kommunistin am Wiederaufbau in Ost-Deutschland mit. Zum ersten Mal in Deutschland musste Vincent von Wroblewsky zunächst die deutsche Sprache erlernen. Als 17-Jähriger absolvierte er die staatliche Prüfung zum Übersetzer aus dem Französischen und trat nur wenig später seine erste Reise als offizieller Übersetzer einer ostdeutschen Delegation durch Indochina an.
Später promovierte Wroblewsky über Sartre und war neben seiner Funktion als Wissenschaftler am Zentralinstitut für Philosophie der Akademie der Wissenschaften immer wieder als Übersetzer im Auftrag der DDR im Ausland unterwegs.
Das Porträt eines Individualisten und sein Werdegang inmitten der bisweilen absurden Mechanismen der DDR-Diktatur – oder, in den Worten des Autors: die »ungehaltene Dankesrede eines zur Freiheit verurteilten, in Frankreich geborenen gottlosen Juden«.

Bibliografische Angaben:

ISBN: 978-3-87536-340-1
Verlag: Merlin Verlag
Erscheinungsjahr: 26.04.2023
Seiten: 264, Taschenbuch

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Über franzosenleser 57 Artikel
"Es gibt nur einen Weg, um Kritik zu vermeiden: Nichts tun, nichts sagen, nichts sein" Aristoteles

2 Kommentare

  1. Eine Lektüre wie die von Tom dem Franzosenleser entlohnt einen Autor für die Mühe und Geduld, die es kostete, neben der Freude am Schreiben, ans Ziel zu gelangen, das heisst, nicht nur eine Geschichte bis zu ihrem, wenn auch offenem, Ende zu erzählen, sondern mehr noch Leser zu finden, die bereit sind, mitzugehen, mitzudenken, mitzufühlen, kurz, wie Sartre sagt, auf den Appel an ihre Freiheit zu antworten. Danke, Tom! Und da ich über die Vorliebe für den auch von mir geschätzten Autor Michel Houellebecq las, erlaube ich mir, auf einen Aufsatz aufmerksam zu machen, der in einem Sammelband „ad Sartre“ bei der Europäischen Verlagsanstalt in diesem Jahr erschienen ist. Gern schicke ich diesen Aufsatz dem Franzosenleser, wenn er mir sagt, an welche Adresse.
    Vincent von Wroblewsky

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