Wodka mit Grasgeschmack von Markus Mittmann

Nach dem Lesen des Buchs kam mir sofort ein Liedtext von Heinz Rudolf Kunze in den Sinn: »Ich bin auch ein Vertriebener, ich will keine Revanche nur Glück«
Dieser kurze Text fasst für mich das Buch wunderbar zusammen.
Und dabei hatte ich das Buch unter völlig falschen Voraussetzungen zu lesen begonnen: Ich war ein Titelopfer. Ich dachte an Wodka, das liebliche Wässerchen, das dabei helfen kann, den Alltag erträglicher zu machen – und an Gras (das zum Rauchen), was eben das gleiche ermöglicht. Unter diesen Voraussetzungen erwartete ich ein abgefahrenes, lustiges Buch. Den Klappentext hatte ich nicht gelesen, wozu auch der Titel sagte mir alles (meinte ich).
Als der gelbe VW Beetle mit dem die Reise erfolgt und in dem vier Menschen eingepfercht für die lange Reise sitzen, als Zitrone bezeichnet wird, bestätigte das meine Erwartung. Es ging durchaus mit feinem Humor los. Etwas verwundert war ich, dass zwei der Personen bereits ein hohes Alter erreicht hatten: Unterwegs waren die Söhne mit ihren betagten Eltern. Aber egal, es ist alles möglich, der Komik sind keine Grenzen gesetzt.
Doch ich merkte schnell, das Thema ist ein anderes, als ich es erwartet hatte. Die Eltern waren auf dem Weg nach Schlesien, in Ihre Heimat. Die Söhne fuhren in ein fremdes Land, nach Polen.
Die Handlung beginnt langsam und die Szenerie wird locker mit treffenden Worten beschrieben:
»Das Leitplankengrün rauscht an uns vorbei, mein Bruder schaltet sinnlos herunter, der Motor jault. Damit mir nicht schlecht wird, muss ich mich zwingen, über die Schulter meines Vaters nach vorn zu peilen.«

Solche Beschreibungen erzeugen Bilder im Kopf. Markus Mittmann ist ein hervorragender Beobachter menschlicher Eigenschaften, das fällt schnell auf. Seine Figuren wirken das ganze Buch über natürlich, keine Szene konstruiert oder künstlich. Auf der Fahrt, bei der ich das Gefühl hatte, sie zieht sich etwas zu lange hin, nähern wir uns durch Bemerkungen von Mutter und Vater langsam dem eigentlichen Thema. Doch ich täuschte mich, die Reise braucht ihren Platz im Buch, sie bereitet vor, lässt uns die Personen kennenlernen.

Nach etwas mehr als einem Drittel des Buchs (inzwischen sind sie in Polen/Schlesien angekommen) dreht sich die Gefühlslage. Nun sind wir mitten im Thema, die Eltern erzählen von der Vertreibung und auch von ihren Kriegserlebnissen. Das passiert fast nebenbei, es gibt keine langen Monologe der Eltern, nein der Autor schafft es, die Erlebnisse in die Erzählung einzubinden. Es ist, als wäre man als Beobachter mit auf dieser Reise. Und der Autor geht sensibel an das Thema heran. Gerade hier besteht die Gefahr, dass die ganze Thematik einseitig betrachtet wird, dass das Buch zu einer einseitigen Anklage wird. Doch Markus Mittmann gelingt es, das ganze Leid ohne Anklage und mit Verständnis für alle Beteiligten, Polen und Deutsche, zu erzählen. Er zeigt, dass alle irgendwie Opfer des Krieges und der daraus resultierenden Grenzverschiebungen waren.
Die letzten zwanzig Seiten waren meines Erachtens überflüssig. Ein Ende ohne diesen Inhalt wäre wesentlich stärker gewesen, weil man mit den starken Gefühlen zurückgelassen worden wäre und so das Buch länger nachgeklungen hätte. Aber das ist sicher Ansichtssache.

Doch auch diese kleine Schwäche spielt keine Rolle, zu sehr hat mich das Buch bewegt, die Geschichte dieser Menschen und wie sie damit umgehen. Das Buch hat mich nicht nur emotional mitgenommen, es hat meine Sicht auf die Vertriebenenthematik verändert. Zum ersten Mal habe ich das Problem verstanden, konnte es nachfühlen. Vorher konnte ich mir nie vorstellen, was der Verlust von Heimat jemandem bedeuten kann. Das liegt wahrscheinlich an meiner Sozialisation und weil ich absolut kein Heimatgefühl für eine geografische Region habe.

Das Buch ist ein emotionales, bewegendes Plädoyer gegen Krieg und Unmenschlichkeit. Ich kann es wirklich jedem absolut empfehlen.

Ach ja, und Wodka mit Grasgeschmack gibt es wirklich und wenn man das Buch gelesen hat, dann ist der Titel auch absolut passend.

Klappentext:

Ein VW-Beetle, die Autobahn Richtung Osten, eine Reise zu viert, eine Familie. Erstmals seit ihrer Vertreibung wagen sich die Eltern in die Dörfer ihrer Kindheit, die Söhne dagegen in eine geheimnisvolle Welt, ein Gespinst aus Erzählungen und Vorstellungen. Die Spurensuche an Orten und in verdrängten Erlebnissen beginnt. Ob in der Enge des Autos oder bei Schweinebauch und Kraut, immer erkennbarer wird das Erinnern zum Verstehen und die Fahrt zu einer Suche nach Grenzlinien, die nur auf dieser Entdeckungsreise überschritten werden können, jetzt und nur noch ein einziges Mal. Oder nie!
Eindringlich, bildhaft und voller Leben, in mitreißenden Gegensätzen, gewürzt mit entlarvendem Humor erzählt Markus Mittmann eine Geschichte von heute, wirft dabei die unausweichliche Macht der Vergangenheit mit der Gegenwart und Zukunft in einen Topf und rührt kräftig um. Eine Geschichte, die bewegt, weil sie so tief in uns verwurzelt ist.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-948442-00-2
Kiener Verlag
Erscheinungsdatum: 20.05.2020
Seiten: 256, Taschenbuch

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