DER EISBÄR UND DIE HOFFNUNG AUF MORGEN – John Ironmonger

Willkommen zurück in St Piran. Na zumindest für eine kurze Weile, bevor wir uns in die eisigen Gefilde Grönlands begeben. In dem kleinen Fischerörtchen im Cornwell treffen sich zur Sommersonnenwende der Student Tom Horsmith und der wenig sympathische Politiker Monty Causley. Tom, der in Causley einen Klimaleugner sieht, fordert ihn mit einer Wette heraus, bei der es um nichts Geringeres als die Zukunft des 1307-Seelen-Dorfes geht. Es geht um Klimaveränderung und Erderwärmung, die auch in absehbarer Zeit St Piran treffen wird, davon ist Tom überzeugt.

»Ich wette mit Ihnen, dass Sie in fünfzig Jahren, von heute an, nicht bei Flut in Ihrem Wohnzimmer sitzen können, sondern ertrinken würden.« S.47

Causley geht die Wette ein. Als Einsatz von Tom fordert er, dass wenn seine Vorhersage nicht einträfe, Tom ins Meer gehen müsse, um zu ertrinken. Eine dumme Wette, die sicher am nächsten Morgen längst vergessen wäre, hätte nicht Toms bester Freund sie gefilmt und ins Internet gestellt. Und so kommt es, dass das Leben der beiden Männer für die nächsten fünfzig Jahre miteinander verknüpft ist und wir sie bei immer dramatischeren Begegnungen begleiten – bis es endlich zu besagtem Tag der Wetteinlösung kommt.

Tom ist wütend über Causleys Überheblichkeit und Ignoranz. Kennen wir das nicht? Obwohl Zahlen und Fakten für die drastische Klimaveränderung sprechen, belegbar, nachweisbar sind, gibt es immer noch Menschen, die es nicht nur nicht wahrhaben wollen, sondern schlichtweg leugnen. Tom wird Gletscherforscher und lebt mit seiner Familie in Grönland, während Causley Karriere als – Achtung – Umweltminister und später sogar als Premierminister macht. Und Ironmonger gibt ihnen in zeitlich großen Abständen Gelegenheit, über die Folgen des Klimawandels zu sprechen.

Da sich das Buch über 80 Jahre erstreckt, erleben wir die Entwicklung der Charaktere nur bruchstückhaft. Worunter das Buch also hätte etwas leiden können, umschifft er, indem er einige dramatische Wendungen einbaut. Aber gut, der Fokus liegt ja auch auf der Thematik Klimawandel und die hat er wie gewohnt eindringlich aber ohne erhobenen Zeigefinger vermittelt. Er lässt die beiden Protagonisten viel debattieren und schafft genügend Raum für eigene Überlegungen.
Uns allen sind die verheerenden Folgen für Mensch und Umwelt bekannt, eine Zukunft, die nicht rosig aussieht. Aber Ironmonger betreibt keine Schwarzmalerei, sonder spickt seine Geschichte mit ein paar interessanten Ideen zur Rettung unserer Zukunft, sodass das Buch am Ende durchaus etwas Hoffnungsvolles hatte. Denn wir sind uns alle einig, dass es nie zu spät ist, etwas zu ändern.

»Inmitten der Schwierigkeiten liegt die Möglichkeit.«

Ich mochte »Der Wal und das Ende der Welt« wirklich sehr und war mehr als gespannt auf den Eisbären. Ja, es liest sich wieder zügig weg, Ironmonger konnte mich wieder mit seiner ganz eigenen Art zu erzählen einfangen. Manchmal war’s ein bisschen drüber und durch die Thematik entstanden zwangsläufig ein paar Längen, aber damit konnte ich mich abfinden. Alles in allem ein typischer Ironmonger, der allerdings mit dem Wal nicht ganz mithalten konnte. Lesenswert ist er auf jeden Fall. Jetzt kommt es halt auch darauf an, etwas aus dem Buch zu lernen, und das sehe ich leider wie der alte Tom:

»Ich bin optimistisch, was die Fähigkeit der Menschheit angeht, Lösungen für diese Krise zu finden. Aber ich bin pessimistisch, was die Bereitschaft angeht, sie auch umzusetzen. Was ihr braucht, ist, dass meine Generation mit all ihrer Gier stirbt und die Zukunft euch überlassen wird. Ihr seid die Lösung. Ihr stimmt mich optimistisch. Zumindest dienstags.« S.374

Klappentext

Ein kleines Dorf in Cornwall, ein Eisbär und eine außergewöhnliche Wette um unsere Zukunft

In dem gemütlichen Pub eines winzigen Fischerdorfes in Cornwall kommt es am Mittsommerabend zu einer folgenreichen Zukunftswette zwischen einem Studenten und einem Politiker. Werden bald auch die 307 Bewohner des Dorfes zu spüren bekommen, wovor die Welt noch die Augen verschließt? Wird das Haus des Politikers in 50 Jahren vom Meer verschlungen werden? John Ironmonger erzählt von der dringendsten Aufgabe unserer Zeit, von einer Reise in die Arktis, von zwei schicksalhaft verbundenen Leben und nicht zuletzt von der großen Frage: Können aus Gegnern Verbündete werden, wenn es um unser aller Zukunft geht?

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-10-397503-1
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 24. Mai 2023
Übersetzung: Tobias Schnettler
Seiten: 416, Hardcover

Über den Autor

John Ironmonger kennt Cornwall und die ganze Welt. Er wuchs in Nairobi auf und zog im Alter von 17 Jahren mit seinen Eltern in den kleinen englischen Küstenort, aus dem seine Mutter stammte. John promovierte in Zoologie; nach Lehraufträgen wechselte er in die internationale IT-Branche. Schon immer hat er geschrieben; seine Romane wurden in viele Sprachen übersetzt. Inspiriert zu »Der Wal und das Ende der Welt« haben ihn unter anderem die biblische Geschichte von Jonas und dem Walfisch, das Werk des Gesellschaftsphilosophen Thomas Hobbes, Jared Diamonds Sachbuch »Kollaps« und viele andere Quellen der Phantasie und des Zeitgeschehens. John Ironmonger lebt heute in einem kleinen Ort in Cheshire, nicht weit von der Küste. Er ist mit der Zoologin Sue Newnes verheiratet; das Paar hat zwei erwachsene Kinder und zwei kleine Enkel. John Ironmongers Leidenschaft ist die Literatur – und das Reisen auf alle Kontinente.

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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