UNENDLICH IST DIE NACHT – Pedro Kadivar

Werbung, ich bedanke mich beim Sujet Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine Gedankenreise in Moll

»Ich wollte den Menschen kennen, den ich liebe. Und entdecken, warum ich ihn liebe, als hätte die Liebe einen Grund. Ich weiß bis heute nicht, warum ich ihn liebe. Vielleicht weil wir beide den Herbst und lange Spaziergänge mögen. Oder weil wir beide unsere Länder jung verlassen haben. Und deswegen glauben wir, uns zu verstehen. Aber ich weiß manchmal nicht, ob wir uns verstehen. Wenn Sie sich einen Partner wünschen, damit Sie verstanden werden, liegen Sie falsch.« S.25

Selten ist es mir so schwergefallen, ein Buch in Worte zu fassen. Deshalb folgen nun eher ein paar persönliche Gedanken, weil diese Geschichte sehr viel in mir ausgelöst hat.
In einer scheinbar unendlichen Nacht folgen wir den Gedanken zweier namenloser Männer. Der eine floh 1979 aus dem Iran, der andere ein Jahr vor dem Mauerfall von Ost- nach Westberlin. Seit zwanzig Jahren sind sie nun ein Paar, sie scheinen tief miteinander vertraut und doch verbindet sie eine fast schon bedrückende Einsamkeit. So zumindest habe ich es empfunden.
Kadivar hat die Form des inneren Monologs gewählt, die beiden wechseln in jener Nacht tatsächlich kein einziges Wort miteinander. Diese »Sprachlosigkeit« ist auch eins der zentralen Themen, um das die Gedanken kreisen. Nachdem der eine den Iran verlassen hat, spricht er viele Jahre kein Persisch mehr, lernt Französisch, studiert französische Literatur, entkoppelt sich von seiner Muttersprache, als wolle er vor sich selbst flüchten. Bis er eine Stelle als Übersetzer in Berlin annimmt, die ihn unvermittelt mit seiner eigenen Vergangenheit konfrontiert.
Aber kann eine Sprache auch anderes sein, wenn man nur von einem Stadtteil in den anderen zieht? Ja, sie hat eine andere Farbe, einen anderen Klang, auch teils andere Bedeutungen, wie sein Partner damals feststellen musste. Etwas, das ich sehr gut nachvollziehen kann.

Auch zwischen den beiden bleibt aus den unterschiedlichsten Gründen vieles unausgesprochen. Aber in dem, was sie verschweigen, liegt viel Zärtlichkeit und Behutsamkeit und das Wissen, dass der andere eine Vergangenheit hat, die sich nicht abstreifen lässt, denn Migration ist wie ein Schatten, den man ein Leben lang mit sich trägt. Kann man, und wenn ja wie, in einem fremden Land ankommen, ober bleibt man ein Leben lang ein Fremder?

»Ich entdeckte, dass man mit der Einsamkeit leben kann, indem man sich davon nährt und sich an seine Vergangenheit erinnert. Die Zukunft war ein absolutes Vakuum, das sich von keinem Wunsch ausfüllen ließ. Die Gegenwart gab es nicht.« S.64

Ich denke, man kann das Buch unter verschiedenen Aspekten lesen, weil es auch einen tiefen Bezug zu Philosophie und Literatur hat, womit sich die beiden Protagonisten auseinandersetzen. Für mich war es aufgrund meiner eigenen Flucht eine intensive Reise in meine Vergangenheit, deren viele lose Enden hier Anknüpfungspunkte fanden.

Es ist ein leises Buch, dass beim Lesen enorm entschleunigt. Immer wieder habe ich einzelne Sätze mehrmals gelesen, weil es Kadivar gelungen ist, für etwas Worte zu finden, nach denen ich ein Leben lang gesucht habe. Was bleibt, sind viele markierte Sätze und Nachdenklichkeit.

»Die Unendlichkeit des Seins spiegelt sich in der Seele wider, die auch an sich unendlich ist. Deswegen kann man einen Menschen nie ganz begreifen. Deswegen werde ich auch dich nie ganz kennen, obwohl mir dein Atem und deine Haut so vertraut sind, und ich deine Gefühle und Gedanken so deutlich wahrnehme, und deswegen ist auch die Liebe selbst unendlich, wenn man wirklich liebt.« S.84

Klappentext

Zwei Geflüchtete in Berlin. Der eine kam aus der DDR, der andere aus dem Iran. Seit fast zwanzig Jahren sind sie ein Paar auf der Suche: nach sich selbst, nach einander, nach einer gemeinsamen Sprache. Sie beobachten einander, warten aufeinander, suchen nach einer Formel für die Unendlichkeit des Seins, für die Endlichkeit des Lebens, für die Unmöglichkeiten des Zwischenmenschlichen.

In seinem vielschichtigen Roman erkundet Pedro Kadivar („Kleines Buch der Migrationen“), was das Menschsein ausmacht, was Flucht, Gewalterfahrungen, Liebe, Nähe und die alltäglichen Unsicherheiten bedeuten. Geschickt verwebt er die großen Fragen unserer Zeit mit wichtigen Motiven aus Philosophie und Literatur.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-96202-117-7
Verlag: Sujet Verlag
Erscheinungsjahr: 14. Februar 2023
Seiten: 251, Hardcover

Über den Autor

Pedro Kadivar ist Schriftsteller und Theaterregisseur, wurde im iranischen Shiraz geboren und ging mit sechzehn nach Paris. 1996 ließ er sich in Berlin nieder, 2002 promovierte er über Proust an der Humboldt-Universität, bevor er sich wieder verstärkt seiner Arbeit am Theater widmete. 2004 reiste er erstmals wieder in den Iran. In der Spielzeit 2011/12 war er Artist in Residence am Théâtre de l‘Odéon in Paris. 2015 wurden zwei seiner Stücke auf dem Theaterfestival in Avignon präsentiert. 2017 wurde sein Stück Kunst der Flucht in seiner Inszenierung am Gorki Theater in Berlin uraufgeführt. Für seine Arbeiten erhielt er mehrere Preise. Er lebt in Berlin und Paris.

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