VOM ENDE DER EINSAMKEIT – Benedict Wells

Um dem Buch gerecht zu werden, bedarf es nur zwei Worte: LEST ES!
Ich bin schwer beeindruckt von dem erzählerischen Talent Wells’, das mit einer Tiefe und Komplexität daher kommt, mit einer Leichtigkeit, als hätte man einen Irving in der Hand. Dass mich mit einer tiefen Betroffenheit zurückgelassen und mich gleichzeitig besänftigt hat. Getragen von einer tiefen Melancholie, einer klaren Sprache und leisen Tönen hat es mich in meine eigene Vergangenheit zurück katapultiert, mich an Zeiten erinnert, die schmerzhaft waren.
Zwischen den Buchdeckeln verstecken sich alle Themen, die ein ganzes Leben ausmachen. Liebe, Trauer, Selbstfindung, Verlust, Loslassen. In manchen Stunden lag es wie ein Stein auf meiner Brust, dass ich kaum atmen konnte – schwer aber nicht belastend, alles aussprechend und doch Raum lassend für eigene Gedanken.

Habt ihr euch schon mal gefragt, was schlimmer ist: einen Menschen unerwartet schnell zu verlieren oder Zeit zu haben, um sich von ihm zu verabschieden? Sähe eure Antwort anders aus, wenn es euren eignen Tod beträfe?

Jules Moreau verarbeitet ein Leben lang den Unfalltod seiner Eltern, der sein Leben und das seiner Geschwister schlagartig veränderte. Aus dem Träumer und furchtlosen Junge wird ein einsamer, nachdenklicher Jugendlicher, der als junger Mann immer wieder Chancen im Leben verpasst, Umwege einschlägt, sich korrigiert.

»… in meinem Inneren ahnte ich, dass ich vom Weg abgekommen war. Das Problem war nur, dass ich nicht wusste, wann und wo. Ich wusste nicht mal mehr von welchem Weg.« S. 152

Was folgt, sind Jahre des Selbstfindens, die Annäherung an die Geschwister, die auf ihre eigene Weise mit dem Tod der Eltern umgegangen sind. In all das ist eine der besten und tragischsten Liebesgeschichten eingebettet, die ich je gelesen habe, frei von Kitsch und Klischees.

Als ich das Buch beendet hatte, war ich lange nicht in der Lage, ein paar Worte darüber zu schreiben. Noch immer bin ich der Meinung, dass ich ihm hier nicht gerecht werden kann, hab das Gefühl, mit jedem Wort, das ich schreibe, mich zu verzetteln.
Denn Wells hat es geschafft, mich so tief in die Geschichte zu ziehen, dass es sich immer anfühlte wie »Auftauchen«, wenn ich es aus der Hand legte. Wie kann ein junger Mensch so einen gewaltigen Roman schreiben? Vielleicht trifft es das folgende Zitat aus dem Buch.

»Es gab Dinge, die ich nicht sagen konnte. Denn wenn ich redete, dann dachte ich, und wenn ich schrieb, dann fühlte ich.« S. 233

Ich kann euch nur aus tiefstem Herzen empfehlen, das Buch zu lesen, und wünsche euch, dass es euch ebenso berührt und fasziniert wie mich.
Und sorry, ein letztes Zitat muss noch sein.

»Das Leben ist kein Nullsummenspiel. Es schuldet einem nichts, und die Dinge passieren, wie sie passieren. Manchmal gerecht, so dass alles einen Sinn ergibt, manchmal so ungerecht, dass man an allem zweifelt. Ich zog dem Schicksal die Maske vom Gesicht und fand darunter nur den Zufall.« S. 299

Klappentext

Jules und seine beiden Geschwister wachsen behütet auf, bis ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben kommen. Als Erwachsene glauben sie, diesen Schicksalsschlag überwunden zu haben. Doch dann holt sie die Vergangenheit wieder ein.

Ein berührender Roman über das Überwinden von Verlust und Einsamkeit und über die Frage, was in einem Menschen unveränderlich ist. Und vor allem: eine große Liebesgeschichte.

Über den Autor

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Seine Bücher erschienen bisher in 38 Sprachen, sein vierter Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ stand über achtzig Wochen auf der Bestsellerliste. Er wurde u.a. mit dem European Union Prize For Literature ausgezeichnet und zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels 2016 gewählt. Nach einigen Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen in Zürich.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-328-60167-8
Verlag: Diogenes Verlag
Erscheinungsjahr: 2016, überarbeitet durch den Autor 2020
Seiten: 355, Taschenbuch

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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