Ich gehe Jetzt – Jean Echenoz

Jean Echenoz – Ich gehe Jetzt
erschienen im Berlin Verlag (2000)

»Ich gehe jetzt, sagte Ferrer …« Das sind die unspektakulären ersten Worte in diesem Buch. Und nur 182 Seiten weiter, im letzten Satz, geht der Kunsthändler Ferrer wieder: »Ich trinke schnell ein Glas und ich gehe.«

Wir dürfen seinem Treiben in einem wilden Plot folgen:
Trennung von seiner Frau, eine Reihe kurzer Affären. Er macht sich in die Arktis auf, um nach einem Schiffswrack & den darin verborgenen Schatz zu suchen. Zurück in Paris, werden ihm die Kostbarkeiten geraubt. Nun tritt der Täter auf die Bühne, den wir auch ein Stück begleiten, bis Ferrer ihn in Spanien stellt. Doch zuvor muss Ferrer noch einen Herzinfarkt überstehen. Alles Weitere wäre gespoilert, deshalb breche ich hier ab.

Das ist ganz schön viel Handlung für nur 182 Seiten. Nach dem Plot erwartet man einen ziemlich überdrehten Roman. Doch weit gefehlt! Echenoz führt uns an der Nase herum. Es geht nicht um die Handlung. Es geht um die Bilder, z.B. die romanesken Personenbeschreibungen, die den Figuren Leben einhauchen (sollen). Doch das tun sie nicht – und dennoch lernen wir die Personen kennen. Kurios! Der Autor täuscht uns & wir fallen darauf rein. Er tut so, als würde er eine Geschichte erzählen & wir glauben es. Erst bei genaueren hinsehen fällt auf, dass alles nur Schall & Rauch ist.
Am Ende haben wir Ferrer exakt ein Jahr begleitet & doch wissen wir so gut wie nichts über ihn: Er ist ca. 50, gesundheitlich angeschlagen & reißt reihenweise junge Frauen auf. Diese Abenteuer schildert Echenoz mit dem Charme eines Sexualkundebuchs für die 6. Klasse. Und auch die Aufklärung des Diebstahls und einiger anderer Verbrechen, die stattfinden, schildert er so lapidar, wie es nur möglich ist.
Man liest einfach immer weiter, getrieben von der Neugierde, wohin sich die Geschichte entwickelt, gelegentlich ist man irritiert, fragt sich erneut, wohin das alles führen wird – nur um am Ende festzustellen: nirgendwohin.
Doch nicht, dass ihr jetzt denkt, der Roman sei langweilig. Ich konnte ihn nicht aus der Hand legen und bin dem Autor voll auf den Leim gegangen.

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"Es gibt nur einen Weg, um Kritik zu vermeiden: Nichts tun, nichts sagen, nichts sein" Aristoteles

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