ALS WIR VÖGEL WAREN – Ayanna Lloyd Banwo

Werbung, danke an Diogenes Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ayanna Lloyd Banwos Debüt beginnt mit einer wunderschönen, mystischen Schöpfungsgeschichte, die mich sofort eintauchen ließ. Erzählt in einer beschwörenden, rhythmischen Sprache, als wolle sie die Geister lebendig werden lassen.
Die Geschichte spielt im fiktiven Port Angeles, Trinidad. In der lebendigen, pulsierenden Stadt liegt Fidelis, ein uralter und weitläufiger Friedhof, auf dem rastlose Seelen ruhen. Und hier werden sich unsere Protagonisten begegnen.

Darwin wächst auf dem Land auf und wird von seiner Mutter mit den Werten des Rastafari-Glaubens erzogen. Doch die prekäre finanzielle Situation zwingt ihn, den erstbesten Job in der Stadt anzunehmen. Ausgerechnet eine Stelle als Totengräber, wo ihm seine Religion doch den Umgang mit Toten verbietet. Das liebevolle Verhältnis von Mutter und Sohn droht zu zerbrechen, als er ihren Warnungen zum Trotz den Job annimmt. Dass bereits sein Vater vor vielen Jahren aus der Stadt nicht zurückkam, ist für die Mutter kein gutes Omen.

Yejide wächst in einem großen Mehrgenerationenhaus in Morne Marie auf. Lauscht voller Begeisterung den alten Geschichten über Leben und Tod, die ihre Großmutter ihr als Kind erzählt. Doch sie ahnt nicht, wie sehr ihr Leben mit dieser Welt der Toten tatsächlich verbunden ist. Nachdem Yejides Mutter gestorben ist, sieht sie sich mit einem spirituellen Erbe im Stich gelassen, von dessen Tragweite sie keine Vorstellung hat. Denn in Morne Marie sind es die Frauen, die für Ruhe in die Welt zwischen den Lebenden und den Toten sorgen.

„Alle nannten sie Maman. Sie ist die Erste in der Familie, an die sich noch jemand erinnert. Als ich klein war, hat mir meine Granny oft eine Geschichte über sprechende Tiere und einen großen Krieg erzählt. In der Geschichte wird die Welt durch den Tod zerrissen, die Lebenden schaffen es nicht mehr, die Toten aufzuwiegen. Da verwandeln sich die Vögel der alten Zeit in Corbeaux – Aasvögel – und vertilgen die Toten. Das Gleichgewicht ist wiederhergestellt. Sie haben die Welt gerettet.“ S. 268

Während Darwin erkennen muss, dass die Gefahr für ihn nicht von den Toten, sondern von seinen Kollegen ausgeht, hadert Yejide mit ihrem Erbe und sehnt sich nach einem normalen Leben. Am Tor von Fidelis führt die Vorsehung die beiden jungen Menschen zusammen und es beginnt eine magische Liebesgeschichte.

Zwei junge Menschen, deren gewohnte Welt aus den Fugen gerät, die mit ihrem Schicksal hadern und deren unterschiedliche Leben zu einem verschmelzen. Und das alles vor einer lebendigen karibischen Kulisse, in der der Geisterglaube tief verwurzelt ist. Mit der gekonnten Verknüpfung von Liebes- und Geistergeschichte mit einem Schuss Krimi hat mich die Autorin einfangen können. Lloyd Banwo schafft eine dramatische, mystische Atmosphäre, die mich auf vieles neugierig gemacht hat. Ich wusste nichts über den Glauben der Rastafari und deren Verbot, mit Verstorbenen in Kontakt zu kommen. Und was kann es Besseres geben, als ein Buch, das neugierig macht auf eine fremde Kultur.
Abwechselnd folgen wir den Perspektiven der beiden Charaktere auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Was zunächst sehr langsam beginnt, nimmt in der zweiten Hälfte des Buches rasant an Geschwindigkeit zu, sodass mir das Ende ein bisschen zu schnell kam. Gerade über Yejide hätte ich gern noch mehr erfahren.

Die Karibik, ein völlig neues literarisches Feld für mich, auf das ich sehr neugierig war. Und ich muss sagen, es fühlte sich sehr karibisch an. Lloyd Banwo schafft sehr lebendige Bilder von einer pulsierenden Stadt, im Gegensatz zu der trügerischen Ruhe auf dem alten Friedhof. Lloyd Banwos erzählerisches Talent hat mich durch die Geschichte getragen, besonders der mystische Teil hat mich fasziniert. Im Anhang gibt es außerdem ein sehr aufschlussreiches Interview mit der Autorin über die Entstehung des Romans. Trotz minimaler Kritik bekommt das Buch von mir eine große Empfehlung. Eine Geschichte so bunt wie das Cover.

Klappentext

Port Angeles, Trinidad. In den sonnendurchglühten Gassen mischt sich das vielstimmige Geschrei der Händler mit Vogelgezwitscher und Verkehrslärm; es riecht nach Gewürzen und reifen Früchten. Unter stillen, schattigen Bäumen ruht Fidelis, der jahrhundertealte Friedhof der Insel. Hier arbeitet Emmanuel als Totengräber. Der junge Rastafari hat sein Zuhause verlassen, um seinen Vater zu finden. Als er Yejide trifft, hat das Schicksal ihre Wege längst fest miteinander verflochten. Und so beginnt dort, wo das Leben endet, eine magische Liebesgeschichte.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-257-07224-2
Verlag: Diogenes Verlag
Erscheinungsjahr: 26. April 2023
Übersetzung aus dem trinidad-kreolischen Englisch von Michaela Grabinger
Seiten: 352, Hardcover

Über die Autorin

Ayanna Lloyd Banwo, geboren 1980 in Trinidad, promoviert an der University of East Anglia in Creative and Critical Writing. Bisher erschienen vor allem Kurzgeschichten in verschiedenen Publikationen. ›Als wir Vögel waren‹ ist Banwos erster Roman; sie lebt in London.

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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