DAS SPIEL DES TAUCHERS – Jesse Ball

Werbung, danke an Luftschacht Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich lese äußerst selten Dystopien, weil allen gemeinsam ist, dass die Antwort auf die Frage »Was wäre wenn …?« mich jedes Mal auf Neue erschaudern lässt. Jesse Ball beleuchtet in seinem Buch eine fiktive Zukunft, die nach unermesslichen Flüchtlingsströmen eine neue Form des Zusammenlebens angenommen hat.

Es gibt nur noch zwei Gruppen von Menschen – Pats und Quads. Pats sind die eigentlichen Staatsbürger, die befugt sind Gasmasken und Gaskartuschen zu tragen. Die das Recht haben, Quads – wann und wo immer sie ihnen begegnen – zu töten, ohne Konsequenzen. Als Gefängnisse nicht mehr ausreichten, schuf man bewachte Quadranten, in denen die Quads – die Geflüchteten – frei leben dürfen. Allerdings sind das rechtsfreie Räume – für jeden, der sich dort aufhält. Quads werden nach ihrer Ankunft markiert, ihnen wird eine rote Mütze auf die Wange tätowiert und der rechte Daumen abgeschlagen. Irgendwie muss man sie ja auseinanderhalten. Wie diese Welt funktioniert, erfahren wir von einem Lehrer, zu dessen Schülerinnen auch Lethe und Lois gehören. Mit ihnen wird er später noch einen Zoo besuchen. Allerdings gibt es dort nur noch einen altersschwachen Hasen, denn in der zukünftigen Welt sind bis auf Insekten alle Tiere ausgestorben.

Das Buch gliedert sich in 3 Abschnitte, die eigentlich 4 Kurzgeschichten sind, an losen Fäden miteinander verbunden. Während sich die erste Geschichte »Ogias-Tag« wirklich verstörend liest, bricht sie vor dem eigentlichen Ereignis ab, dem Tag, an dem alle Schulden verfallen, aber auch Verbindlichkeiten wie ein Arbeitsverhältnis oder eine Ehe. Jesse lässt auch die beiden folgenden Geschichten in der Luft hängen. Was mich zunächst unbefriedigt zurückgelassen hat, entwickelte sich in den folgenden Tagen zu interessanten Gedankenspielen.

Balls Idee fußt auf den Auswüchsen der aktuellen Flüchtlingspolitik der USA, dem Abhandenkommen von Empathie und Moral; auf Ausgrenzung und der zunehmenden Spaltung der Gesellschaft.
Der Verfall der Moral gipfelt im Buch in einer neuen Definition von Gewalt, die genau betrachtet nun keine Gewalt mehr ist. Wie sehr sich die indoktrinierten Moralvorstellungen und Gleichgültigkeit bereits in den Kindern etabliert haben, zeigt Ball in drei der Geschichten. Lethe (ein Synonym der griechischen Mythologie für den Fluss des Vergessens der Vergangenheit?) ist schon fast gelangweilt von dem Vortrag ihres Lehrers und interessiert sich nicht für die ausgestorbenen Tiere. Oder das Spektakel einer Kinder-Infantin, die über Schuld und Unschuld entscheiden darf. Es symbolisiert quasi die Rechtlosigkeit der Quads, die als wiederkehrendes kulturelles Ereignis öffentlich ad absurdem zur Schau gestellt wird.
Oder auch in der titelgebenden Geschichte, die einem Initiationsritual gleicht und durch die Gleichgültigkeit der Kinder mit dem Tod eines Jungen endet.
Ball inszeniert hier an drei Charakteren die Entmenschlichung durch die fehlende Moral. Das ist nicht nur brutal, sondern auch wirklich traurig und schmerzhaft zugleich.
Erst die letzte Geschichte, der Brief einer Frau, die einen Quad getötet hat, beginnt die vorherrschende Gesinnung infrage zu stellen.

»Ein solcher Mann ist nicht wegen etwas gestorben, das er tat, sondern weil er war, wer er ist.« S.233

»Entweder ist es falsch, dass es sich nur um Gewalt handelt, wenn sich gleich gegen gleich wendet, oder es ist falsch anzunehmen, dass sie uns nicht gleichen. Es ist mir egal, was es ist; ich bin davon überzeugt, das eines von beiden wahr ist.« S. 242

Ein absolut unbequemes, radikales Buch, das aber von Seite 1 an von einer enormen unterschwelligen Spannung profitiert, dass man förmlich mitgerissen wird. Nicht zuletzt auch von dem Kniff, dass der auktoriale Erzähler uns hin und wieder direkt anspricht und uns somit an unsere Verantwortung, unseren Egoismus, unsere Gier erinnert.
Im Literarischen vielleicht etwas experimentell, auf das man sich einlassen muss, das aber einen tiefen Nachhall hinterlässt. Trotzdem hätte mich sehr interessiert, was an diesem ominösen Ogia-Tag passiert ist.

Klappentext

Die Welt, wie wir sie kennen, ist zusammengebrochen. Die Idee der Gleichheit wurde zugunsten einer brutalen Hierarchie aufgegeben und die Menschen in Quads und Pats unterteilt. Quads, das sind die Nachkommen der Flüchtlinge des letzten großen Krieges. Sie leben außerhalb der Städte in streng überwachten Quadranten, werden mit Brandzeichen markiert und sind außerhalb dieser Gebiete völlig rechtlos. Weil man ihnen einen Daumen abgetrennt hat, werden sie auch als „Neuner“ verspottet. Die Pats, vollwertige Bürger*innen dieser namenlosen Nation, sind dagegen mit tödlichem Gas bewaffnet und können die Quads damit jederzeit ungestraft töten, wenn sie sich bedroht fühlen.

Jesse Ball spürt in »Das Spiel des Tauchers« auf unnachahmliche Weisen den Spuren der seelischen Verwüstung nach, die diese Herrschaft in den Beteiligten anrichtet. Die unterschiedlichen Perspektiven, die er dabei einnimmt und die in starken Bildern einen Eindruck dieser Welt entstehen lassen, sind stets von großer Zärtlichkeit für die Nöte seiner Figuren erfüllt. Es ist eine unbarmherzige Gesellschaft, der jede Empathie abhandengekommen ist, die aber dennoch von ihrer eigenen Tugend überzeugt zu sein scheint – bis selbst bei den Unterdrückern die Fassade bröckelt. Eine eindringliche Parabel über Moral, Gesetz, Macht und Gewalt, die auch hart mit unserer eigenen Welt ins Gericht geht und sich trotzdem eindeutigen moralischen Urteilen entzieht.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-903422-36-0
Verlag: Luftschacht Verlag
Erscheinungsjahr: 18. März 2024
Übersetzung: Alexander Lippmann
Seiten: 242, Hardcover

Über den Autor

Jesse Ball wurde in New York geboren. Er ist Autor von sechzehn Büchern und seine Werke wurden in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Er ist Mitglied des Lehrkörpers der School of the Art Institute of Chicago, hat den Plimpton Prize for Fiction der Paris Review gewonnen und stand auf der Longlist für den National Book Award. Er wurde von Granta als einer der besten jungen Romanautoren ausgezeichnet und war Stipendiat der NEA, Creative Capital und der Guggenheim Foundation.

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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