TELL – Joachim B. Schmidt

Werbung, selbst gekauft.

Schmidt hat ein sicheres Gespür für sonderbare Charaktere, das hat er mir nicht nur mit Kalmann bewiesen. Nun verbinde ich den in Island lebenden Bündner aber hauptsächlich mit seiner Wahlheimat und hab mich ein wenig gedrückt vor seinem hochgelobten TELL. Völlig zu Unrecht, wie ich festgestellt habe. Schmidt kann auch hervorragend Schweiz! Und zwar die dunkle, archaische Welt des heute als Nationalhelden verehrten Wilhelm Tell.
Man hat mich zu meinen Schulzeiten zum Glück nicht mit der störrischen Schillerversion gequält, aber die Handlung war mir vage bekannt. Nun wurde aber der Schweizer Urmythos so oft adaptiert, dass ich etwas zögerlich ans Lesen ging. Doch Schmidt hat den Stoff ordentlich aufgepeppt, der Handlung erheblichen Thrill hinzugefügt und geschickt in die Moderne geholt. Was ihm aber meines Erachtens am besten gelungen ist, ist die Entheroisierung Tells, aus dem er einen eigenbrötlerischen, grantigen Familienvater macht, wortkarg und stets den Blick nach unten gerichtet. Dazu lässt ihn Schmidt fast nie zu Wort kommen, überlässt das lieber den Figuren, ein glaubwürdiges Bild von ihm zu zeichnen. Noch so ein genialer Streich übrigens, das Buch aus 20 verschiedenen Perspektiven in äußerst kurzen Kapiteln zu erzählen. Und nein, das verwirrt nicht an einer einzigen Stelle, sondern macht es kurzweilig und spannend. Aber zurück zu Tell. Warum er ist, wie er ist, erfahren wir erst viel später, auch wieder von einer anderen Figur, dem Pfarrer »Vater Taufer«, der Tells Schicksal als Kind teilte. Ich verrate hier nicht zu viel, nur dass es um Missbrauch geht.

Eingerahmt wird die ganze Geschichte durch sehr starke Frauenfiguren. Zum Beispiel Hedwig, Tells Frau, die eigentlich die Verlobte von dessen Bruder Peter war. Die Aussichtslosigkeit des damaligen Lebens zwingt sie quasi dazu, weiterhin mit ihrer Mutter in Tells Haushalt zu bleiben. Am Ende ist es Lotta, ihrer beider Tochter, die im hohen Alter der Geschichte einen würdigen Abschluss gibt und mir ein Schmunzeln entlockte.

Schmidts Tell ist ein Getriebener, einer der sich letztlich nur rächen kann an dem Unrecht, das die Habsburger seiner Familie zufügen. Ein Mann, dem das Leben als armer Bergbauer übel mitspielt, der sich verantwortlich fühlt für den Tod seines Bruders, was ihn bis zum Ende nicht loslassen wird. Wir finden hier keine Politisierung, keine Überhöhung der Figur, sondern eine Vermenschlichung. Selbst der Vogt Gessler hat Frau und Kind, nach denen er sich verzehrt, und scheinbar seinem Job nicht gewachsen ist. Soldaten, die eigentlich noch Kinder sind, kaum älter als Tells Sohn.
Und da wäre noch der absolut grausame Fiesling Harras, der für all das verantwortlich ist, der die Bauern hasst, plündert, vergewaltigt und tötet. Ja, es waren brutale Zeiten.
Schmidt verzichtet zwar auf zitierfähige Sätze wie: »Durch diese hohle Gasse muss er kommen«, streut dafür ein paar aus der Zeit gefallene Schimpfworte ein wie Bettbrunzer, Welpenstreichler oder Tropfbrunzer.

Wer nach der Lektüre noch ein wenig Lust hat zu recherchieren, wird darauf stoßen, dass es sogar ein paar Bezugspunkte zu den nordischen Sagen gibt. Also ganz ohne Island ging es dann doch nicht. Vielleicht war es ja der Nordmann, der den Apfelschuss nach Island gebracht hat. Wer weiß.

Nun ist Diogenes nicht unbedingt bekannt dafür, reißerische Klappentexte zu produzieren, doch hier steht: »… ein Blockbuster in Buchform, The Revenant in den Alpen, Game of Thrones in Altdorf …« Zurecht wie ich finde, denn das Buch lässt sich nur wegsuchten. Wie immer hat er mich glänzend unterhalten.
Ich freue mich, dass Schmidt 2023 dafür den Bündner Literaturpreis erhalten hat und Tell 2022 das Lieblingsbuch des Deutschschweizer Buchhandels war.

Klappentext

Joachim B. Schmidt schreibt Geschichte neu. Seine ›Tell‹-Saga ist ein Pageturner, ein Thriller, ein Ereignis: Beinahe 100 schnelle Sequenzen und 20 verschiedene Protagonisten jagen wie auf einer Lunte dem explosiven Showdown entgegen. Schmidt bringt uns die Figuren des Mythos nahe und erzählt eine unerhört spannende Geschichte.

Joachim B. Schmidt schreibt Geschichte neu. Schmidts Fiktion, seine Vision des Tell machen die Erzählung so einzigartig, frisch und zwingend. Die moderne Erzählweise hat er sich bei einem der großen isländischen Erzähler abgeschaut: Einar Kárason, der die ›Sturlungen‹-Saga neu erzählte. Hier wie dort sprechen die Protagonisten, was dem Text Gegenwärtigkeit und Authentizität verleiht. Im Zentrum von Schmidts Erzählung steht der ›Mensch‹ Wilhelm Tell – ein Wilderer und Familienvater, ein Eigenbrötler und notorischer Querulant; ein Antiheld, einer, der überhaupt kein Held sein will, der eigentlich nur seine Ruhe, genug zu essen und seinen Leiterwagen haben will. Und eine Kuh verkaufen. Immer näher kommen ihm die verschiedenen Stimmen und erkunden, wie eine einzige Gewalttat größere und größere Kreise zieht. Schmidt bringt uns die Figuren des Mythos nahe und erzählt eine unerhört spannende Geschichte – auch für diejenigen, die noch nie etwas von Wilhelm Tell gehört haben.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-257-07200-6
Verlag: Diogenes Verlag
Erscheinungsjahr: 23. Februar 2022
Seiten: 283, Taschenbuch

Über den Autor

Joachim B. Schmidt, geboren 1981, aufgewachsen im Schweizer Kanton Graubünden, ist 2007 nach Island ausgewandert. Seine Romane ›Tell‹ und ›Kalmann‹ waren Bestseller; mit ›Kalmann‹ erreichte er den 3. Platz beim Schweizer Krimipreis und erhielt den Crime Cologne Award. ›Tell‹ war auf Platz 1 der Schweizer Bestsellerliste und erhielt den Bündner Literaturpreis. Der Doppelbürger lebt mit seiner Frau und zwei gemeinsamen Kindern in Reykjavík.

Weitere Werke

Kalmann, Diogenes 2022
In Küstennähe, Diogenes 2022
Kalman und der schlafende Berg, Diogenes 2023
Am Tisch sitzt ein Soldat, Diogenes 2023
• Moosflüstern, Diogenes Verlag August 2024

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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