DREI UHR MORGENS – Gianrico Carofiglio

Wenn mir in einer Buchhandlung ein Italiener in die Hand fällt, kann ich nicht widerstehen – so auch diesmal. Ich kannte den Autor nicht, der etliche Krimis geschrieben und sich einen Namen als Antimafia-Staatsanwalt gemacht hat. Aber der Klappentext hat mich sofort überzeugt und jetzt nach der Lektüre kann ich nur sagen – was für eine berührende Geschichte, wow.

Carofiglio erzählt auf 184 Seiten eine bewegende Vater-Sohn-Geschichte, ein Abenteuer, das uns in verruchte Jazzclubs führt, durch die zwielichtigen Hafengassen Marseilles und an Strände, schöner als Korsika oder Sardinien.
Antonio, der Ich-Erzähler, erhält als Kind die niederschmetternde Diagnose Idiopathische Epilepsie. Mit einem Schlag soll er auf alles verzichten, was seine Kindheit ausgemacht hat – kein Fußball, keine Limonade, keine Menschenansammlungen. Antonio muss zahlreiche Medikamente nehmen und verfällt in eine anhaltende Depression. Doch seine Eltern, seit Jahren geschieden, finden sich nicht mit der Diagnose ab. Professor Gastaut, ein Spezialist aus Marseille, macht Hoffnung. Nachdem dieser einige Berühmtheiten aufgezählt hat, u.a. Aristoteles und Michelangelo, die ebenfalls unter der Krankheit litten, nimmt sich Antonio in seiner Außenseiterrolle anders wahr. Denn bisher wagte er noch nicht einmal, das Wort Epilepsie auszusprechen. Drei Jahre später (Antonio ist fast 18) muss er sich einer Nachuntersuchung unterziehen, zu der ihn sein Vater begleitet.

Professor Gastaut, die einzige reale Person in dem fiktiven Roman, möchte mithilfe eines heute verbotenen Stresstests herausfinden, ob Antonios Epilepsie geheilt ist und dazu muss er 48 Stunden wach bleiben. Das hört sich für ihn zunächst unüberwindbar an, denn Vater und Sohn sind sich fremd. Nun, mit 50, blickt Antonio auf die zwei durchwachten Nächte zurück, in denen sie gemeinsam durch das Marseille der 80er Jahre streifen, und die für beide ein einschneidendes Erlebnis werden sollen.

Ohne sentimental oder kitschig zu werden gelingt Carofiglio ein atmosphärisch dichter Roman, der gern hätte doppelt so dick sein dürfen. Er lässt viel Raum zum Nachdenken und Nachspüren.

Durch seine Krankheit hat sich Antonio zu einem schüchternen, introvertierten jungen Mann entwickelt. Während sie die erste Nacht durch beängstigende, fremde Viertel streifen, traut er sich, seinem Vater Fragen zu stellen, und muss feststellen, dass der Mathematiker gar nicht so steif ist, wie er es sich immer vorgestellt hat. Sie entdecken Gemeinsamkeiten, wie ihre Liebe zur Literatur und ihr Verständnis für komplexe Zahlen.

Es gibt Momente, in denen man reden muss und nichts für selbstverständlich nehmen darf. Und es gibt Momente, in denen man schweigen muss, weil etwas Hauchzartes und Kostbares in der Luft liegt, das sich beim kleinsten Wort verflüchtigen könnte. Beides ist einfach. Die Schwierigkeit liegt darin, zu entscheiden, wann man das eine tut und wann das andere.“ S.178f

Fast schon behutsam erzählt der Autor von der zarten Annäherung, findet wundervolle Worte für verborgene, teils auch nicht ausgesprochene männliche Gefühle. Ein Coming-of-Age-Kammerspiel vor der vielfältigen Kulisse der französischen Hafenstadt, deren Bilder und Eindrücke sich fast synchron zur Entwicklung der Geschichte verändern. Marseilles ist nicht von ungefähr gewählt, denn Carofiglio hat einige Monate dort während eines Schriftsteller-Stipendiums verbracht.
Mit jeder Begebenheit nähern sich Vater und Sohn an, als Leser spürt man förmlich, wie ihre Verbundenheit wächst und sie ihre gemeinsame Zeit intensiv nutzen.

Man muss das Glück verprassen, das ist die einzige Art, es nicht zu vergeuden. Vergehen tut es sowieso.“ S.172
Wissen wir, wie viele Chancen uns das Schicksal noch gibt?

Klappentext

Zwei Tage und zwei Nächte ohne Schlaf. So lautet die ärztliche Anweisung, für die Antonio und sein Vater nach Marseille gereist sind. Bekommt Antonio keinen epileptischen Anfall, ist er geheilt, darf einfach wieder Teenager sein. Nun liegen achtundvierzig Stunden vor ihnen.

Vater und Sohn, die sich fremd geworden sind, wagen in den Gassen der Stadt vorsichtige Unterhaltungen. Darüber, wie es früher war. Wie es jetzt ist. Wie man sich verliebt. Wie man Musik wirklich hört. Sie finden sich in schummrigen Jazzbars wieder, in freundlichen Küchen, an flimmernden Stränden. Und irgendwann, zwischen Kaffee, Wein und der nächsten Dämmerung, beginnen sie, einander zu verstehen.

Eine leise, bewegende Begegnung zwischen Vater und Sohn, die uns lehrt, dass es für wahre Nähe nie zu spät ist.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-293-20936-7
Verlag: Unionsverlag
Erscheinungsjahr: 11. Juli 2022
Übersetzung: Aus dem Italienischen von Verena von Koskull
Seiten: 192, Taschenbuch

©Francesco Carofiglio

Über den Autor

Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari, schreibt Romane, Kriminalromane, Kurzgeschichten und Essays. Er war viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt und Berater des italienischen Parlaments im Bereich organisierte Kriminalität tätig, von 2008 bis 2013 war er Senator der Partito Democratico. Für seine Werke hat er unter anderem den Vittorio-De-Sica-Literaturpreis erhalten und wurde mit dem Castelfiorentino-Sonderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Gianrico Carofiglio, geboren 1961 in Bari, schreibt Romane, Kriminalromane, Kurzgeschichten und Essays. Er war viele Jahre als Antimafia-Staatsanwalt und Berater des italienischen Parlaments im Bereich organisierte Kriminalität tätig, von 2008 bis 2013 war er Senator der Partito Democratico. Für seine Werke hat er unter anderem den Vittorio-De-Sica-Literaturpreis erhalten und wurde mit dem Castelfiorentino-Sonderpreis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

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