EIN GANZES LEBEN – Robert Seethaler

Werbung, ich bedanke mich bei Tobis für das Rezensionsexemplar.

»Im Grunde genommen wurde er nicht als Kind betrachtet. Er war ein Geschöpf, das zu arbeiten, zu beten und seinen Hintern der Haselnussgerte entgegenzustrecken hatte.« S.24

Andreas Egger kommt als vierjähriger Waise zum Großbauern Kranzstocker und alles, was es zu seiner Kindheit zu sagen gibt, fasst das obige Zitat zusammen.
Die Schläge des Bauern haben Folgen, Andreas’ Bein wächst nach einem Bruch nicht mehr richtig zusammen, sodass er sein Leben lang hinken wird. Doch Egger mit seinem einfachen Gemüt klagt nicht. Er nimmt sein Schicksal an, arbeitet ein Leben lang hart und wird nie sein Tal verlassen. Doch, einmal schon, allerdings eher unfreiwillig, als es ihn im Krieg in die russische Steppe verschlägt. Auch wenn das Leben weiterhin Schläge austeilt, gibt Egger nicht klein bei.

»Er war stark, aber langsam. Er dachte langsam, sprach langsam und ging langsam, doch jeder Gedanke, jedes Wort und jeder Schritt hinterließen ihre Spuren, und zwar genau da, wo solche Spuren seiner Meinung nach hingehörten.« S.28

Wir begleiten Egger, der sich als Tagelöhner und Hilfsknecht verdingt, beim Bau der Seilbahn hilft, die das Dorf in die Moderne bringen wird, mit der Egger nie Schritt halten wird. Er findet in Marie seine große Liebe und wird sie auf tragische Weise wieder verlieren. Er gerät in Kriegsgefangenschaft, weil man am Ende auch nicht mehr auf einen Versehrten verzichten kann.
Egger ist ein wortkarger, genügsamer Mensch, der sich trotz allem nicht kleinkriegen lässt, der einfach weitermacht und am Leben nie verzweifelt, ja schon stoisch sein Schicksal erträgt.

So zurückhaltend Egger ist, so einfach, schlicht und klar ist auch der Schreibstil – im positiven Sinne. Seethaler gelingt eine atmosphärisch dichte Geschichte, die ohne Kitsch daherkommt, aber direkt unter die Haut geht.

Auf beeindruckende Weise filtert Seethaler die Essenz eines ganzen Lebens heraus, komprimiert es auf die wichtigsten Ereignisse und überwältigen uns mit ganz großen Gefühlen. Eine bittersüße Geschichte auf 155 Seiten, die mich mitten im Herz erreicht hat. Vielleicht sind es die Helden, die eigentlich keine Helden sind, die einem bescheidenen Leben die kleinen Momente des Glücks abluchsen, die mich jedes Mal wieder berührend und mir ein Tränchen entlocken. Die mich demütig machen in Zeiten wie diesen.

Auf der zweiten Ebene erzählt Seethaler vom gesellschaftlichen Wandel der Bergdörfer, dem Einzug des Tourismus und den harten Eingriffen in die Natur. Auch wenn der Bau der Seilbahnen Arbeitsplätze schafft, so kostet er auch vielen Arbeitern das Leben.
Das Buch ist wieder so ein Beispiel dafür, dass man ganz große Geschichten auf wenig Seiten auserzählen und einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann. Für mich gehört damit zu den Highlights des Jahres. Und wenn das Buch nicht schon verfilmt wäre, würde ich jetzt sagen – ganz großes Kino.
Dank der Freikarte von Tobis habe ich mir den Film auch angeschaut. Der Regisseur Hans Steinbichler hält sich recht dicht an der Romanvorlage, rafft aber viele Ereignisse nochmals zusammen. Mit seinen überaus beeindruckenden Naturbildern schafft er eine grandiose Kulisse und die sentimentale Filmmusik tut ihr Übriges, um ordentlich an den Emotionen zu rütteln. Beeindruckt hat mich aber vor allem die schauspielerische Leistung von Stefan Gorski, der den jungen Egger eindrucksvoll verkörpert, seine innere Zufriedenheit, sein wortkarges Wesen, seine Art, das Schicksal zu dulden. Vielleicht ist der Film eine Spur zu kitschig geworden, aber er hat natürlich alle Bilder des Buches wieder in mir lebendig gemacht und ich finde, er ist wirklich sehenswert.

Klappentext

Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweggegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und tief bewegende Geschichte.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-446-27842-4
Verlag: Hanser Literatur Verlage
Erscheinungsjahr: 23. Oktober 2023
Seiten: 155, Taschenbuch (Ausgabe zum Film)

Über den Autor

Robert Seethaler, geboren 1966 in Wien, ist ein vielfach ausgezeichneter Schriftsteller und Drehbuchautor. Seine Romane »Der Trafikant« (2012), »Ein ganzes Leben« (2014) und »Das Feld« (2018) wurden zu großen internationalen Publikumserfolgen. Seine Bücher wurden in über 40 Sprachen übersetzt. Mit seinem Roman »Ein ganzes Leben« stand er auf der Shortlist des International Booker Prize. Zuletzt erschien von ihm der Roman »Das Café ohne Namen« (2022). Robert Seethaler lebt in Berlin und Wien.

Avatar-Foto
Über ein.lesewesen 290 Artikel
Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*