FISCHE, DIE IN SONNENSPRENKELN SCHWIMMEN – Riku Onda

Werbung, da Rezensionsexemplar. Ich bedanke mich beim Atrium Verlag

Sonnensprenkel, ein Wort, das im Deutschen unbekannt ist, aber es ist die wohl einfachste Übersetzung des japanischen Worts Komorebi – es beschreibt Sonnenlicht, das durchs Blätterwerk der Bäume fällt.

»Immer wenn sich seine Augen so weit entfernen, sehe ich das Sonnenlicht durch die Bäume flimmern. Fragmente der unterdrückten Emotionen und Sehnsüchte, die wir nicht in Worte fassen können, kreuzen einander für einen Augenblick im flackernden Licht, wie Schatten.« S. 86

Eine Geschichte jeglicher Kulisse beraubt, die sowohl den Leser aus auch die Protagonisten vom Eigentlichen ablenken würde. Eine Frau, ein Mann, eine leere Wohnung, das Ende einer Beziehung, von der nichts übrigblieb. Wirklich nichts?
Hiro und Aki haben sich aneinander aufgerieben, jetzt bezichtigen sie sich sogar gegenseitig, für den Tod ihres Bergführers vor einem Jahr verantwortlich zu sein. Jeder für sich glaubt, die Nacht nicht zu überleben.
Die beklemmende Atmosphäre, ausgelöst durch das gegenseitige Belauern, wird durch die Erzählstruktur immer mehr verdichtet. Onda hat sich für die Ich-Perspektive der beiden entschieden, die sich Kapitel für Kapitel abwechselt. Als Leser möchte man nicht verpassen, die richtigen Gedanken zu erfahren, um den Mörder zu entlarven. Man ist hin und her gerissen, deckt schon bald die eine oder andere Lüge auf, Widersprüche werden sichtbar. Jeder scheint sich seine Worte genaustens zu überlegen. Das Geheimnis aber ist die Beziehung der beiden, darin liegt auch die Auflösung des Buchs. Schon früh im Buch beschert uns Onda eine entscheidende Wendung, kurz darauf eine neue Entdeckung, die vieles in ein anderes Licht rückt. Hier entwickelt sich ein sogartiger Thrill.

Eine Charakterisierung der Figuren erfolgt ausschließlich über die Gedanken der beiden, die zum Teil widersprüchlich sind, manchmal voller Zuneigung, dann wieder von Eifersucht und Misstrauen geprägt. Die nicht ausgesprochenen Sehnsüchte und Einsichten wandeln sich je nach »Lichteinfall der diffusen Sonnenstrahlen«. Zufällige Gesten oder Geräusche lösen verdrängte Erinnerungen an das Ereignis vor einem Jahr aus, die sich wie ein Puzzle nach und nach zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Am Ende hat man ein Gefühl dafür, warum diese Beziehung gescheitert ist. Der innere Kampf, loszulassen, sich etwas Neuem zuzuwenden – oder vielleicht doch nicht? Das Wissen um den schmerzhaften Verlust, den Mut, eine unbewältigte Vergangenheit aufzuarbeiten, die für alle Beteiligten Überraschungen bereithält. Kann es die eine Wahrheit geben, wo doch die Wahrnehmungen unterschiedlich und individuell sind?
Nicht für alles wird uns Onda einen Beweis erbringen, einiges bleibt an Vermutungen zurück, die sich jeder selbst durchdenken kann.
Ich mochte Ondas Schreibstil, der ruhig und entschleunigend war. Ebenso die Gedankenspiele von Hiro und Aki, die reduzierte Kulisse, im Gegensatz zu den Rückblicken vor einem Jahr, die detailliert und bildhaft geschrieben waren.
Eine Empfehlung für alle, denen lose Enden liegen und die gern in fremden und eigenen Gedankenwelten versinken.

»Drei Menschen blicken vom Grund des Wassers hinauf zum Licht der Oberfläche. Ihre Augen sind von unschuldiger Sehnsucht erfüllt. Sie blicken schweigend auf die ferne Wasseroberfläche, die sie nie berühren, und auf das Licht, das sie nie erreichen können. Ihre Zukunft, die nie eintreffen wird.« S.231

Klappentext

Der große neue Roman der japanischen Erfolgsautorin

Eine letzte Nacht wollen Aki und Hiro in ihrer gemeinsamen Wohnung in Tokio zusammen sein, bevor ihre Wege sich endgültig trennen. Nach einer Bergwanderung, bei der ihr Führer auf ungeklärte Weise ums Leben kam, ist ihre Beziehung zerbrochen. Alles, was ihnen bleibt, ist ihre Erinnerung. Nun halten die beiden sich gegenseitig für des Mordes schuldig und sind entschlossen, noch in dieser Nacht die Wahrheit herauszufinden. Was ist wirklich auf dem Berg passiert? Im geistigen Wettstreit zwischen den beiden scheint die Kette der Ereignisse nach und nach enthüllt zu werden. Doch wird sie das wirklich? Und werden beide die Wohnung am nächsten Tag lebend verlassen?

Verzerrte Erinnerungen, Verletzungen, Misstrauen und dunkle Geheimnisse – Riku Onda zeigt in ihrem neuen Roman Fische, die in Sonnensprenkeln schwimmen, wie unterschiedlich Wahrnehmung sein kann und dass es somit nicht immer nur eine einzige Wahrheit gibt.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-85535-024-7
Verlag: Suhrkamp Verlag
Erscheinungsjahr: 16. Februar.2023
Übersetzung: Nora Bartels
Seiten: 256, Hardcover

Über die Autorin

Riku Onda, geboren 1964 in der Präfektur Miyagi, veröffentlichte 1992 ihr Debüt Das sechste Kind. Sie wurde mit dem Yoshikawa Eji Prize und dem Yamamoto Shugoro Prize ausgezeichnet, 2017 erhielt sie den Naoki Prize für Honigbiene und ferner Donner sowie den japanischen Buchhandelspreis. Ihr Werk wurde für Film und Fernsehen adaptiert. 2022 erschien »Die Aosawa Morde« erstmals in deutscher Übersetzung.

Weitere Werke

Die Aosawa Morde

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Über ein.lesewesen 255 Artikel
Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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