MARIANENGRABEN – Jasmin Schreiber

»… elftausend Meter unter Wasser sind gleichbedeutend mit einem Meter neunzig unter der Erde, der Tiefe deines Grabes.« S. 11

Seite dem Tod ihres Bruders Tim fühlt sich Paula wie in die Tiefe des Marianengrabes hinabgezogen. Das Buch beginnt mit »Kapitel« 11000. Die Zahlen werden immer kleiner, als würde man aus einer tiefen Trauer und Depression auftauchen und wieder Licht sehen.
Als sie von ihrem Therapeuten den Rat bekommt, Tims Grab zu besuchen, trifft sie dort mitten in der Nacht den etwas schrägen Helmut, der mal eben die Urne seiner Freundin Helga ausbuddelt. Schon als die beiden über die Friedhofsmauer abhauen, beginnt die skurrile Geschichte mit dem ersten Lacher. Ich hatte nach den ersten Seiten eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Paulas Trauer erwartet und wurde wirklich überrascht. Ü-80-Helmut ist ein griesgrämiger Grantler, der einige Geheimnisse hat, Helga einen letzten Gefallen schuldet und Paula einlädt, ihn im Wohnwagen zu begleiten. Es wird ein ziemlich schräger Roadtrip, begleitet von seinem Hund Judy und einem Huhn Lutz, dass sie unterwegs verletzt aufgabeln. Nach und nach erzählt uns Helmut seine nicht ganz gradlinige Lebensgeschichte, die mich an manchen Stellen schmunzeln ließ. Auch geraten die zwei in ein paar urkomische Situationen. Denn noch schwebt über beiden das große Thema Trauer und wie man damit umgeht. Es fehlt dem Buch nichts an Warmherzigkeit und Verständnis und manchmal hatte ich feuchte Augen. Berührend fand ich Paulas innere Dialoge mit ihrem verstorbenen Bruder, wie liebevoll sie sich an ihn erinnert, fast meint man, ihn selbst zu kennen.

»Und jetzt liebe ich dich nur noch gefangen in einer Zwischenwelt aus Präteritum und Konjunktiv und in einer Realität, die vor deinem Tod ein Leben und danach nur noch ein Zustand war« S. 9

Auch wenn der Schreibstil an sich sehr leicht lesbar war, gab es einige sehr gute Textstellen, die ich mir angestrichen habe und darüber nachgedacht habe. Die Mischung von todtraurig und urkomisch funktionierte für mich sehr gut und hat mich zu keiner Zeit belastet. Im Gegenteil, ich habe es als hoffnungsvoll und versöhnend empfunden, vielleicht weil die Geschichte so ruhig daher kam. Trauerbewältigung ist ein ganz individueller Prozess, wie jeder, der es durchmachen musste, sicher auch festgestellt hat. Ich finde, das hat J. Schreiber auch wirklich sehr gut mit der Geschichte gezeigt. Vor allem aber, wie Trauer sich anfühlen kann.

»In mir breitete sich das Nichts aus, es hatte kein Gefühl, kein Aussehen, keinen Geruch, keinen Klang, keinen Geschmack. Ich war ein Menschenkostüm, das ein Nichts enthielt.« S. 13

Mir wurde dieses Buch von einigen hier empfohlen und es war auch wirklich eine nette Geschichte. Trotzdem hat es mich nicht tief genug berührt. Das mag daher sein, dass ich zu dem Thema dieses Jahr zwei hervorragende Bücher gelesen habe – Mariana Leky, Was man von hier aus sehen kann und Benedikt Wells, Vom Ende der Einsamkeit. Beide waren um einiges tiefer und berührender. Dennoch möchte ich euch das Buch empfehlen, nicht wegen der traurigen Thematik, sondern dem sensiblen Umgang mit dem Thema und dem humorvollen Drumherum.

Klappentext

Paula braucht nicht viel zum Leben: ihre Wohnung, ein bisschen Geld für Essen und ihren kleinen Bruder Tim, den sie mehr liebt als alles auf der Welt. Doch dann geschieht ein schrecklicher Unfall, der sie in eine tiefe Depression stürzt. Erst die Begegnung mit Helmut, einem schrulligen alten Herrn, erweckt wieder Lebenswillen in ihr. Und schließlich begibt Paula sich zusammen mit Helmut auf eine abenteuerliche Reise, die sie beide zu sich selbst zurückbringt – auf die eine oder andere Weise.

Ein Roman übers Sterben – aber vor allem darüber, am Leben zu bleiben.

»Helmut ist ab sofort (neben der Queen) mein Rolemodel fürs Altsein.« Anja Rützel

Über die Autorin

Jasmin Schreiber, geboren 1988, ist studierte Biologin und arbeitet als Schriftstellerin. Ihr Bestseller MARIANENGRABEN war das erfolgreichste belletristische Debüt 2020, im März 2021 folgte ihr humorvoll erzählerisches Sachbuch ABSCHIED VON HERMINE, das sich ebenfalls in der SPIEGEL-Bestsellerliste platzieren konnte. Im Wissenschaftspodcast BUGTALES.FM erzählt sie von Nacktmullen, Bärtierchen und Walexplosionen. Gemeinsam mit einer absurden Anzahl an Tieren lebt Schreiber in Hamburg und macht das…

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-8479-0082-5
Verlag: Eichborn Verlag
Erscheinungsjahr: August 2021
Seiten: 254, Taschenbuch

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Über ein.lesewesen 212 Artikel
Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger