MIMIK – Sebastian Fitzek

Werbung. Herzlichen Dank an den Droemer Knaur Verlag für das Rezensionsexemplar.

Wie ein Autor seinen Bestsellerstatus verspielt

Müssen wir alles ungefragt schlucken, nur weil auf der Verpackung steht: »Spiegelbestseller Nummer 1, erfolgreichster Autor Deutschlands, der Meister des deutschen Thrillers«? Meines Erachtens sollte man genau hinsehen, einen Titel und einen Platz muss man sich verdienen!

Was Sebastian Fitzek bisher immer konnte – eine grandiose Idee in einen spannenden Thriller packen und einem den Schlaf rauben. Auch diesmal klang der Klappentext vielversprechend. Eine Mimikresonanz-Expertin, die sich selbst in einem Video sieht, wie sie den Mord an ihrer Familie gesteht. Hannah leidet nach einer OP unter Gedächtnisverlust und kann sich an nichts erinnern.
Es geht auch gleich mit einer Menge Baustellen los, die vor 34 Jahre mit einem schrecklichen Ereignis beginnen, und ein ordentliches Tempo vorlegen. 27 Jahre später muss Hannah zusehen, wie ihr Sohn Paul von einem labilen Praktikanten im Kindergarten als Geisel gehalten wird.
Jawoll, dachte ich mir, wieder ein Fitzek, wie ich ihn liebe. Die ganze Geschichte packte mich und ich flog nur so durch die ersten 100 Seiten. Aber dann.
Wie viele verschiedene Schriftarten kann man denn in einem Buch so verwenden, dann auch noch kursiv oder fettgedruckt? Ich denke, Fitzek hats mal ausprobiert. Wer mehr als 11 findet, darf sich gern bei mir melden. Aber okay, ich bin ja zäh, also weiter im Text.
Nachdem er in der Mitte etwas vom Gas ging, was völlig in Ordnung war, hatte er aber die nächste, nicht ganz so tolle Idee. »Da sind noch die einen oder anderen kleinen Fun Facts, die ich gern einbauen würde. Passen jetzt nicht wirklich an die Stelle, tun auch nichts zur Sache, mach ich aber trotzdem.« Ja, kann man machen, muss man nicht, nennt man Infodumping, lernt man in jedem Schreibkurs, wie man das vermeiden kann.
Vor allem wenn man als Prota echt in der Klemme steckt und noch denken kann: »Schon 1908 hatten die Psychologen Robert Yerkes und John Dillingham Dodson herausgefunden, dass der menschliche Geist unter mentaler Erregung, wie etwa Angst, leistungsfähiger war als in einem absolut furchtfreien Zustand.« (Das geht noch weiter, spar ich mir aber.) Klar, machen Helden wahrscheinlich so, wenn sie Angst haben. Nein, das ist Infodumping, interessiert an der Stelle niemanden.
Was haben wir noch? Eine absolut verhunzte Phrase mit einer Abrissbirne. Eine unglaubwürdige Nebenstory, die anatomisch nicht möglich ist. Falls es jemand liest, es geht um einen 11-jährigen Jungen und einen Schneemann. Kabelbinder, die völlig neue Eigenschaften haben. Splitpages, die ein Gag sein sollten, aber nur halbleere Seiten produziert und Verwirrung geschafft haben. So was funktioniert mit einer wechselnden Kameraperspektive im Film, um Spannung zu erzeugen, im Buch leider nicht. Und eine Danksagung, die ich auch schon amüsanter gelesen habe, denn die war bisher in seinen Büchern immer die Kirsche auf der Sahne, zumindest für mich. Die Charaktere blieben leider alle an der Oberfläche, es fehlte an Tiefe und Sympathie, aber die Spannung war zum Glück da. Vermisst habe ich seine spielerische Leichtigkeit, mit der er mich immer durch die Geschichte getragen hat. Seine einmaligen Twists, dafür ist er doch bekannt, wo waren sie?
Dass ich schon sehr früh wusste, wer der Mörder oder die Mörderin ist, hat dann auch keine Rolle mehr gespielt. Aber sonst war es ein gutes Buch, auch wenn ich ihm alle Superlative aberkennen muss.

Worum geht es mir eigentlich? Das was ich hier anspreche, hätte von einem ordentlichen Lektorat hinterfragt werden müssen. Das sind zum Teil dilettantische Anfängerfehler. Nur einer davon hätte gereicht, um das Manuskript eines Newcomers abzulehnen. Darf man sich das als Bestsellerautor leisten? Sind wir von der Marke Fitzek inzwischen so geblendet wie von dem Cover? Ach ja, über das habe ich noch gar nicht gesprochen. Es sieht ein bisschen aus wie eine verspiegelte, silberne Alubackfolie mit Prägedruck. Man sollte es nicht unbedingt anfassen, da die Fingerabdrücke kaum zu entfernen sind. Warum ist es eigentlich nicht gold? Wie hätte sich das Buch angefühlt, wenn nicht in großen Lettern SEBASTIAN FITZEK drauf gestanden hätte?

Wir als Leser sollten endlich aufhören zu „konsumieren“, wir sollten hinschauen, Kritik üben, ehrlich sein. Eine positive Meinung heißt: weiter so, alles richtig gemacht. Eine fundierte Kritik bedeutet: hey, beim nächsten Mal muss ich wieder eine Schippe drauflegen, ich darf meine Leser nicht enttäuschen.

Wie so oft gibt es aber auch eine gute Nachricht zum Schluss: Henri Faber mit Kaltherz ist immer noch mein Jahreshighlight unter den Thrillern. Er hat seine Hausaufgaben gemacht, Talent und Handwerk präsentiert und deshalb viel mehr Aufmerksamkeit verdient.

Klappentext

Fürchte dich nicht! Außer vor dir selbst …

Sebastian Fitzeks herausragender Psychothriller um eine Mimikresonanz-Expertin, die sich in größter Not selbst nicht mehr trauen kann

Ein winziges Zucken im Mundwinkel, die kleinste Veränderung in der Pupille reichen ihr, um das wahre Ich eines Menschen zu „lesen“: Hannah Herbst ist Deutschlands erfahrenste Mimikresonanz-Expertin, spezialisiert auf die geheimen Signale des menschlichen Körpers. Als Beraterin der Polizei hat sie schon etliche Gewaltverbrecher überführt.

Doch ausgerechnet als sie nach einer Operation mit den Folgen eines Gedächtnisverlustes zu kämpfen hat, wird sie mit dem schrecklichsten Fall ihrer Karriere konfrontiert: Eine bislang völlig unbescholtene Frau hat gestanden, ihre Familie bestialisch ermordet zu haben. Nur ihr kleiner Sohn Paul hat überlebt. Nach ihrem Geständnis gelingt der Mutter die Flucht aus dem Gefängnis. Ist sie auf der Suche nach ihrem Sohn, um ihre „Todesmission“ zu vollenden? Hannah Herbst hat nur das kurze Geständnis-Video, um die Mutter zu überführen und Paul zu retten. Das Problem: Die Mörderin auf dem Video ist Hannah selbst!

Ihr einziger Ausweg führt tief in ihr Innerstes …

Mit fachlicher Beratung von Dirk Eilert, des führenden Mimik- und Körpersprache-Experten im deutschsprachigen Raum

Über den Autor

Sebastian Fitzek, geboren 1971, ist Deutschlands erfolgreichster Autor. Seit seinem Debüt „Die Therapie“ ist er mit allen Romanen ganz oben auf den Bestsellerlisten zu finden. Mittlerweile erscheinen seine Bücher in sechsunddreißig Ländern und sind Vorlage für internationale Kinoverfilmungen und Theateradaptionen. Als erster deutscher Autor wurde Sebastian Fitzek mit dem Europäischen Preis für Kriminalliteratur ausgezeichnet und 2018 mit der 11. Poetik-Dozentur der Universität Koblenz-Landau geehrt. Er lebt in Berlin.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-426-28157-4
Verlag: Droemer Knaur Verlag
Erscheinungsjahr: Oktober 2022
Seiten: 384, Hardcover

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger