Mahtab von Nassir Djafari

Werbung. Herzlichen Dank an den Sujet Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im Jahr 1967 entzünden sich die Studentenproteste in Frankfurt, und Deutschland erlebt eine Phase der Unruhe, während gesellschaftlicher Wandel in der Luft liegt. Inmitten dieses Umbruchs befindet sich die Familie Hamidzadeh, die aus dem Iran (Persien) immigriert ist: Mahtab, deren Perspektive den gesamten Roman prägt, ihr Ehemann Amin und ihre drei Kinder. Die Familie ist in ihrem sicheren Exil nicht gefeit gegen die Einflüsse der Ereignisse. Amin wird vom Deutschlandbesuch des Diktators, vor dem er einst geflohen ist, dem Schah von Persien, heimgesucht. Das Weltbild der Mutter gerät ins Wanken, als sie bei ihrer Tochter die Antibabypille entdeckt. Doch all dies markiert erst den Anfang der Geschichte.

Während Djafari uns die Geschehnisse aus Mahtabs Sicht schildert erfahren wir nicht nur von den Geschehnissen, sondern erleben sie geradezu. Es ist die Geschichte der Frauen dieser Familie über drei Generationen hinweg. Mahtabs Erinnerungen lassen uns ihre sittenstrenge Mutter kennenlernen, die bereits im Sportunterricht für Mädchen den Verfall jeglicher Sitten und Moral witterte. Auf der anderen Seite ihre Tochter Azadeh sympathisiert als Abiturientin mit den revoltierenden Studenten und doch überfordern auch sie die Umbrüche. Mahtab selbst steht dazwischen, gefangen in den Zwängen der Mutterprägung und doch in der modernen westlichen Zivilisation angekommen. Eine bewegende Generationengeschichte entfaltet sich.
Mahtab hat mich berührt. Diese scheinbar naiv wirkende Frau, die dennoch das Wesentliche so klar erfasst. Ihr gütiger Blick auf die Geschehnisse schafft eine Liebenswürdigkeit, trotz all ihrer Ecken, Kanten und ihres Konservatismus. Wie sie ihren Mann, den Patriarchen, lenkt, der sich in fortschrittlichem Gewand präsentiert und der mit seinem kleinen Krämerladen, den er liebevoll Kaufhaus »Europa« nennt, seinen Traum von Freiheit lebt.

Doch das Buch bietet mehr als nur diesen familiären Mikrokosmos. Es gewährt uns einen Einblick in die gesellschaftlichen Umwälzungen der 68er-Bewegung, eine Zeit des Wertewandels. Ein Stück dokumentierte Zeitgeschichte der gesellschaftlichen Veränderung der späten 60er-Jahre.
Djafari zeichnet Mahtabs Perspektive auf die Dinge geschickt nach und gibt der Geschichte dadurch einen aktuellen Anstrich. Wir leben in ganz anderen Zeiten, doch auch heute sind Zeiten des gesellschaftlichen Umbruchs und ein Wertewandel ist von Nöten. Und so kam mir das Buch oft vor, wie ein Spiegel, den der Autor uns Lesenden vorhält.

Für mich ging es in diesem Roman im Wesentlichen um das Thema Emanzipation – in unterschiedlichen Bedeutungen. Es ist die doppelte Geschichte einer Emanzipation, die der Frau von ihrem Mann und die einer Migrantin. Mahtab als Perspektivfigur eröffnet einen leicht distanzierten Blick, von außen sozusagen, auf die Studentenproteste der 68er, auch eine Emanzipation – vom Muff und der Verstaubtheit der 50er und 60er, der Verklemmtheit, der Spießigkeit und eine Distanzierung von der älteren Tätergeneration in Deutschland. Die Proteste markierten einen radikalen Bruch im gesellschaftlichen Leben. Mahtab, die Migrantin, wird so auch zum Sinnbild für den gesellschaftlichen Wandel – nicht zuletzt, weil sie einen für sie revolutionären Schritt wagt.

Fazit

Djafari formt nicht nur Charaktere, sondern entwirft ein lebendiges Panorama, das mich durch die Geschichte gleiten ließ. Mahtab, so naiv und gleichzeitig so klar, eroberte mein Herz, während Djafari uns durch eine Zeit führt, die nicht nur Vergangenheit, sondern auch Spiegelbild unserer Gegenwart ist. »Mahtab« ist nicht nur ein Buch, es ist ein literarisches Erlebnis, das die Seele berührt und den Leser sanft durch eine bewegende Geschichte trägt.

Über den Autor

Nassir Djafari, 1952 in Iran geboren, lebt seit seinem fünften Lebensjahr in Deutschland. Er studierte in Frankfurt Volkswirtschaftslehre und war in verschiedenen Funktionen in der deutschen und internationalen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Djafari hat zahlreiche Fachartikel und Buchbeiträge über die wirtschaftlichen und politischen Herausforderungen in Entwicklungs- und Schwellenländern verfasst. Eine Woche, ein Leben war sein erster Roman.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-96202-107-8
Verlag: Sujet Verlag
Erscheinungsdatum: 10.02.2022
338 Seiten, Taschenbuch

Avatar-Foto
Über franzosenleser 73 Artikel
"Es gibt nur einen Weg, um Kritik zu vermeiden: Nichts tun, nichts sagen, nichts sein" Aristoteles

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*