HARDLAND – Benedict Wells

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.“ S.11

Dieser erste Satz, der dir unmissverständlich klarmacht, das Buch willst, das musst du lesen. Autor*innen, die diese Kunst beherrschen, geben dir ein Versprechen, dass sie es verstehen, mit Worten zu berühren, verstehen, Geschichten zu erzählen. Und Wells hat sein Versprechen ein weiteres Mal gehalten. Vielleicht ist „Hardland“ nicht so wuchtig wie „Vom Ende der Einsamkeit“, aber es entfaltete erst seine volle Wirkung, als ich es längst ausgelesen hatte.
Wie nah kann Glück und Tragik beieinanderliegen? Sam, 15, lebt in Grady, einer verschlafenen, langsam aussterbenden Kleinstadt in Missouri. Ein „endlos langer Sommer“ verspricht nichts als Langeweile. Durch seinen Ferienjob im Kino lernt er Hightower, Cameron und Kirstie kennen, drei Freunde, die schon nach den Ferien dieses öde Kaff verlassen werden, um zu studieren. Sam, der schüchtern ist und keine Freunde hat, verliebt sich in die unangepasste, aber auch unsichere Kirstie, die gern ihre Grenzen austestet. Cameron ist der selbstsichere, homosexuelle Junge aus einem reichen Elternhaus, der sich den Vorurteilen der Gesellschaft gegenübersieht. „Hightower“ ist schwarz und ein sportliches Ass. Endlich fühlt sich der Außenseiter Sam einer Gruppe zugehörig, kann seine Ferien genießen und für eine Weile die Krankheit seiner Mutter und die emotionale Kälte seines Vaters vergessen.
Doch im Moment des größten Glücks stirbt seine Mutter und Sams Leben wird erneut umgekrempelt.

„Es sollte ein Wort für dieses Gefühl geben … So was wie ’Euphancholie’. Einerseits zerreißt’s dich vor Glück, gleichzeitig bist du schwermütig, weil du weißt, dass du was verlierst oder dieser Augenblick mal vorbei sein wird.“ S.99

Wells, der erst 1984 geboren wurde, erzählt uns eine Coming-of-Age-Geschichte, die 1985 spielt und genau das Gefühl rüberbringt, die dieses Jahrzehnt ausmachte. Ich selbst war damals 19, es dauerte eine Weile, bis alle Erinnerungen wieder da waren. Ob nun Walkman, Rollschuhe oder ELO, Billy Idol und „Zurück in die Zukunft“ – Wells schaffte es, die 80er in mir wieder lebendig werden zu lassen. Am Ende ist es aber egal, in welchem Jahrzehnt man seine Jugend verbracht hat. Wir alle hatten mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen: die eigene Identität und den Platz in der Gesellschaft zu finden, mit Trauer und Verlust umgehen zu lernen und die erste große Liebe zu fühlen – immer gebeutelt von einem riesigen Gefühlschaos – ein Spagat zwischen Euphorie und Melancholie – bittersüße Jugend.

Die Charaktere sind tiefschichtig angelegt und so lebensnah, dass sich jeder in dem einen oder anderen wiederfinden kann, wenn er sich an seine eigene Jugend zurückerinnert. Eine Zeit, in der man sich noch mit Freunden verabredet hat, gemeinsam abgehangen hat, sich ganz ohne Tinder verliebt hat.

Wie schon in „Am Ende der Einsamkeit“ spielt auch in „Hardland“ Musik eine große Rolle. Musik trasportiert Emotionen und ist mit den verschiedensten Ereignissen im Leben verknüpft. Manchmal reicht die pure Erwähnung eines Titels und wir wissen, was wir in der Zeit gemacht haben. Wer hat ihn nicht, diesen einen Song, als wir uns zum ersten Mal verliebt haben. Wells‘ „Playlist“ fügt sich wie eine Untermalung in die Geschichte ein, spielerisch gekonnt, ohne konstruiert zu wirken.
Doch das Beeindruckendste an seinen Werken ist wie immer seine unverkennbare Sprache. Er jongliert mit Worten und Bildern wie kaum ein anderer, schnörkellos, nahbar, wohlüberlegt und berührend. In einer grandiosen Komposition reiht sich Szene an Szene. Untermalt mit klugen Metaphern entsteht eine virtuose Leichtigkeit, die pures Vergnügen für mich waren.

Am Ende stand für mich die Erkenntnis: Ja, es gab auch bei mir diesen „einen Sommer“, in dem sich alles veränderte. In dem ich die Sicherheit der Kindheit fast unbemerkt verlassen hatte, Schritte in eine neue Freiheit gewagt hatte. All das hat dieses Buch wieder in mir lebendig werden lassen. Aber es ist nicht nur eine Geschichte über Liebe und Trauer, über Familie und Heimat, sie ist so viel mehr. Doch das sollte jeder selbst entdecken. Für mich war es der krönende Abschluss eines fantastischen Lesejahres.

Klappentext

Missouri, 1985: Um vor den Problemen zu Hause zu fliehen, nimmt der fünfzehnjährige Sam einen Ferienjob in einem alten Kino an. Und einen magischen Sommer lang ist alles auf den Kopf gestellt. Er findet Freunde, verliebt sich und entdeckt die Geheimnisse seiner Heimatstadt. Zum ersten Mal ist er kein unscheinbarer Außenseiter mehr. Bis etwas passiert, das ihn zwingt, erwachsen zu werden. Eine Hommage an 80’s Coming-of-Age-Filme wie ›The Breakfast Club‹ und ›Stand By Me‹ – die Geschichte eines Sommers, den man nie mehr vergisst. Benedict Wells ist der Gewinner des Deutschen Jugendliteraturpreises 2022 in der Kategorie ›Preis der Jugendjury‹.

Über den Autor

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur 2003 zog er nach Berlin. Dort entschied er sich gegen ein Studium und widmete sich dem Schreiben, seinen Lebensunterhalt bestritt er mit diversen Nebenjobs. Seine Bücher erschienen bisher in 38 Sprachen, sein vierter Roman „Vom Ende der Einsamkeit“ stand über achtzig Wochen auf der Bestsellerliste. Er wurde u.a. mit dem European Union Prize For Literature ausgezeichnet und zum Lieblingsbuch des unabhängigen Buchhandels 2016 gewählt. Nach einigen Jahren in Barcelona lebt Wells inzwischen in Zürich.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-257-07148-1
Verlag: Diogenes Verlag
Erscheinungsjahr: Februar 2021
Seiten: 352, Hardcover
Auszeichnungen

• Deutscher Jugendliteraturpreis‹ in der Kategorie Preis der Jugendjury für Hard Land, 2022

• Platz 3 für Hard Land beim ›LovelyBooks-Leserpreis‹ in der Kategorie Literatur, 2022

• Benedict Wells wurde neu in das PEN-Zentrum Deutschland aufgenommen. 2022

Weitere Werke

Vom Ende der Einsamkeit

Pressestimmen

»Ein Ausnahmetalent in der jungen deutschen Literatur.«
Claudio Armbruster / ZDF, Mainz

»Mann, kann der Mann schreiben! Benedict Wells ist wohl eines der größten Talente, das unser Land in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat. Er verfügt über diese Leichtigkeit des Schreibens, die jeden mit Neid erfüllt, der sich daran schon mal versucht hat. Wie selbstverständlich kommen seine Figuren daher, und wir wollen sofort mehr von ihnen wissen.«
Kester Schlenz / Stern, Hamburg

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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