LIEBES KIND – Romy Hausmann

Beginnen wir mit dem Fazit. Zum großen ABER komme ich später. Das Buch hat mir bestätigt, dass Trauer, Verlust, Einsamkeit, Gewalt zu erfahren etwas zutiefst Persönliches ist. Und jeder, der in eine psychische Ausnahmesituation kommt, empfindet anders. Auch der Umgang damit ist etwas sehr Individuelles – egal, was andere meinen zu sehen oder denken. Urteile nicht, bewerte nicht, akzeptiere den Anderen und seine Art, damit fertigzuwerden. Was für manchen unaushaltbar, schrecklich oder falsch aussehen mag, ist keine unumstößliche Wahrheit, wie man an Hannah sehen konnte. Woher soll sie wissen, was »falsch« ist, wenn sie nie etwas anderes kennengelernt hat? Es gibt immer zwei verschiedene Welten – eine die wir erleben, eine andere, die wir nur betrachten.
Und das hat die Autorin m.E. sehr gut gemacht. Es ist kein Thriller, wie man ihn kennt, eher eine Auseinandersetzung mit der Psyche der Opfer.
Das Buch beginnt mit dem Ende, mit der Befreiung der Opfer. Allmählich bewegen wir uns aus der Perspektive dreier Figuren in Richtung Anfang. Man sollte vielleicht dazu sagen, dass es kein herkömmlicher Plot eines Thrillers ist. Auch wenn für mich die Spannung bis zum Schluss vorhanden war, so war es doch ein tiefes Eintauchen in verletzte, traumatisierte Seelen, die mich zutiefst berührt haben. Für einen Thriller fehlt es an Tempo und Härte, es sind nicht die Ereignisse, sondern die Auswirkungen der grausamen Taten. Deshalb ist es vielleicht auch beabsichtigt, dass einem die Figuren nicht sonderlich sympathisch sein.
Nun mein ABER. Hannah ging mit ab Seite 200 tierisch auf die Nerven. Jonathan hingegen blieb ein Statist, auf den man hätte verzichten können. Unverzeihlich allerdings sind für mich Dialoge, die man angeblich nicken oder lächeln kann. Habt ihr mal versucht, Worte zu nicken, ohne etwas zu sagen? Da schreit ein Lektorenherz.
Trotzdem überwiegen der außergewöhnliche Plot und die Tiefe der Figuren, deshalb auch die volle Punktzahl.

Klappentext

Eine fensterlose Hütte im Wald. Lenas Leben und das ihrer zwei Kinder folgt strengen Regeln: Mahlzeiten, Toilettengänge, Lernzeiten werden minutiös eingehalten. Der Vater versorgt seine Familie mit Nahrung, er beschützt sie vor den Gefahren der Welt da draußen, er kümmert sich darum, dass seine Kinder eine Mutter haben – koste es, was es wolle. Doch eines Tages gelingt dieser die Flucht. Und nun geht der Albtraum richtig los. Denn vieles scheint darauf hinzudeuten, dass sich der Vater mit aller Macht zurückholen will, was ihm gehört. Wahn oder Wirklichkeit?

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-423-21836-8
Verlag: dtv Verlag
Erscheinungsjahr: 2020
Seiten: 425, Taschenbuch

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Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

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