ABGRUND – Pilar Quintana

Werbung. Herzlichen Dank an Aufbau Verlag für das Rezensionsexemplar.

Treffender hätte der Titel nicht sein können, denn in dem neuen Buch von Pilar Quintana tun sich zahlreiche menschliche Abgründe auf.

»Die Treppe ist das Erste, woran ich mich erinnere. Ich vor dem kindersicheren Gitter und dahinter die lange, zerklüftete Treppe, eine unüberwindbare Felswand, die zur wunderbaren grünen Welt im Erdgeschoss führte.« S. 27

Claudia, 8 Jahre, lebt mit ihren Eltern in den 80er Jahren in Kolumbien. Doch ihre Mutter hat nur wenig für sie übrig, am wenigsten Liebe und Zuneigung. Ganz im Gegensatz zu ihrem Dschungel aus Zimmerpflanzen, den sie hegt und pflegt. Der um viele Jahre ältere Vater steht allem rat- und tatenlos gegenüber und vergräbt sich in seiner Arbeit. Während ihre Eltern ständig mit sich selbst beschäftigt sind, versucht Claudia die Erwachsenen aus ihrer Sicht zu verstehen.
Als ihre Mutter eine Affäre beginnt, bröckelt das fragile Familiengefüge, sie verfällt dem Alkohol und der Vater schweigt. Claudia sehnt sich nur noch nach einem anderen Leben, einer anderen Mutter.

Aus Claudia kindlicher Sicht erleben wir den Alltag der Familie. Um den Haushalt kümmern sich ständig wechselnde Angestellte, zu denen Claudia keinesfalls eine Beziehung aufbauen darf. Die Mutter, die meist auf ihrem Bett liegt und sich nur noch für ihre Hochglanzmagazine interessiert, ihre Tochter kaum beachtet, sie sogar als störend empfindet. Sie soll den Mund halten, sie ist zu laut, sie soll nicht im Zimmer umherlaufen.
Die Verhaltensweise ist nicht neu in der Familie, selbst die Großmutter sagte über ihre Tochter schon:

»… wenn ich es hätte verhindern können, hätte ich die hier auch nicht bekommen.« S.14

Anhand der Geschichten der Großeltern und Eltern zeigt die Autorin deutlich, was Zurückweisung und Liebesentzug mit Menschen macht. Vater und Mutter selbst geprägt durch fehlende emotionale Nähe sind schier nicht in der Lage, Claudia liebevolle und verständnisvolle Eltern zu sein. In den wenigen Momenten, die die Mutter mit ihrer Tochter verbringt, erzählt sie ihr den Klatsch aus ihren Zeitschriften, wie zum Beispiel dem Unfalltod von Grace Kelly, der zum Synonym für die suizidalen Tendenzen in der Familie wird.
Der einzige Hoffnungsschimmer für Claudia ist ihre liebevolle Tante Amelia, die selbst vom Leben betrogen wurde.

Wie viel Ablehnung kann ein Kind ertragen? Das habe ich mich ständig beim Lesen gefragt. Quintanas Charaktere sind in ihren Rollen festgefahren, resigniert, gefühlskalt und egoistisch. Untermalt wird die Geschichte durch die Schilderung von düsteren Wäldern, tiefen, unheimlichen Schluchten und alten Schauergeschichten. Mit einfachen kraftvollen Worten schafft es die Autorin, den Leser mitzureißen. Der Roman hat in mir erst einige Tage hinterher seine volle Wirkung entfaltet. Natürlich bleibt die Sicht einseitig, da wir nur Claudias Schilderungen erfahren. Aber durch die feinfühligen wie verstörenden Bilder bekommt der Roman die nötige Tiefe. Eine klare Empfehlung von mir.

Klappentext

Das heranwachsende Mädchen Claudia ist viel allein. Ihre unglücklich verliebte Mutter verfällt dem Alkohol, der resignierte Vater schweigt sich davon. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach einem anderen Leben. Und ein junges Mädchen auf der Suche nach Antworten. Ein herzzerreißender Familienroman vor einer atemberaubenden kolumbianischen Kulisse, in der die Abgründe allgegenwärtig sind. 

Pressestimmen

»Eine der kraftvollsten neuen Stimmen aus Lateinamerika.« DEUTSCHLANDFUNK KULTUR 

»Die kolumbianische Autorin Pilar Quintana legt hinter dem Klischee tiefe menschliche Sehnsüchte und Abgründe frei.« SÜDDEUTSCHE ZEITUNG

Über die Autorin

Pilar Quintana, Jahrgang 1972, ist eine der bekanntesten und meistgelesenen Autorinnen Lateinamerikas. Ihr Roman „Hündin“ („La perra“, 2017) markiert einen großen Meilenstein: Er ist der erfolgreichste und meistverkaufte literarische Roman der letzten Jahre in Kolumbien und wurde 2018 mit dem begehrten Premio Biblioteca de Narrativa Colombiana ausgezeichnet, 2021 erhielt sie den Liberaturpreis.

Über die Übersetzerin

Mayela Gerhardt wurde in Mexiko geboren, studierte in Düsseldorf Literaturübersetzen und bildete sich in Spanien in journalistischem und audiovisuellem Übersetzen weiter. Als Übersetzerin aus dem Englischen, Spanischen und Französischen lebt und arbeitet sie in Barcelona.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-351-03968-4
Verlag: Aufbau Verlag
Erscheinungsjahr: 16. August 2022
Übersetzung: Mayela Gerhardt
Seiten: 245, Hardcover

Avatar-Foto
Über ein.lesewesen 135 Artikel
Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger