INTIMLEBEN – Niccolò Ammaniti

Werbung, ich bedanke mich bei Politycki & Partner und dem Eisele Verlag für das Rezensionsexemplar.

»Die majestätische Haltung, die Proportion der Gliedmaßen, die schmalen Fesseln, die … Füße, die Haut, die so zart ist wie das Blütenblatt einer Hundsrose, sind die Inkarnation ewiger Schönheit, die Künstler sämtlicher Epochen, von Phidias bis Picasso, in den Bann geschlagen hat.« S.16

Alles an Maria Cristina Palma ist perfekt und das macht sie laut einer Studie an der Universität in Louisiana zur schönsten Frau der Welt. Und sie ist die Gattin des italienischen Ministerpräsidenten Mascagni, Mutter einer 10-jährigen Tochter und ehemaliges Model.
Immer beobachtet von den Medien, kann sie keinen Schritt gehen, ohne die Reaktion darauf umgehend in der Presse zu lesen. Sie weiß nicht, wann sie zum letzten Mal shoppen war, verlässt das Haus nie ohne Bodyguards, und ihre Assistentin plant jeden Schritt voraus. Und ein ominöser Medienguru namens Raupe weiß genau, was in den sozialen Netzwerken am besten ankommt.
Doch dann begegnet sie Nicola Sarti. Der smarte, braungebrannte, erfolgreiche Unternehmer, mit dem sie ein paar lustvolle, ausgelassene Tage auf der Jacht ihres Bruders vor vielen Jahren hatte. Maria Cristina kann sich kaum erinnern, so tief hat sie diese Zeit in ihrem Inneren vergraben. Doch Nicola schickt ihr Fotos, dummerweise auch ein eindeutiges Video, in dem beide eine Hauptrolle spielen. Dieser Film könnte wie ein Erdbeben ihre schillernde Fassade zum Einsturz bringen und die Karriere ihres Mannes beenden. Es ist aber auch die Chance für eine Veränderung.

Ammaniti fungiert hier selbst als allwissender Erzähler, mischt sich immer wieder ein, sodass es fast aussieht, als halte er eine Lupe auf Maria Cristina. Er enthüllt uns Leser*innen das intime Leben der Protagonistin. Ja, er zeigt uns sogar, wie diese Grazie auf einer Toilette sitzt (ja, nicht mal hier hat sie ein Stück Privatsphäre), während ihre Assistentin sie vor der Kabine verhöhnt: Sie sei oberflächlich, kriege nichts mit, was um sie herum läuft, nicht mal die Fremdgeh-Gerüchte um ihren Mann. Er lässt uns an ihren intimsten Gedanken teilhaben, entblättert sie, entblößt sie, lässt sie kopfüber in einem verstopften Kamin hängen.

Und während er Maria Cristina vom »Make-up« befreit, kommen schmerzhafte Erinnerungen aus ihrer Kindheit zutage. Ihre Depressionen, ihre Einsamkeit neben einem Mann, der nie da ist; niemanden zu haben, dem sie wirklich vertrauen kann. Wer ist sie wirklich hinter ihrer schönen Fassade?
Das Video scheint sie endlich wachzurütteln und ihr jämmerliches Dasein überdenken zu lassen.

»Nichts von all dem, das sie bis heute getan hat, erscheint ihr als freiwilliger Akt, als echtes Bedürfnis oder angestrebtes Ziel, Verwirklichung. Die Männer entscheiden sich für sie wie für einen preiswürdigen Rassewindhund. Sie schwängern sie, um einen Erben zu haben und zu sehen, ob der Chromosomenmix zu einem klugen und obendrein hübschen Wurf taugt.« S.128

Ein einsames Leben zwischen Schein und Sein für eine perfekte Selbstinszenierung. Es geht um Selbstbestimmung, Vertrauen, Wahrheit, Authentizität, Moral und Gewissen. Ammaniti hält uns den Spiegel vor. Was geben wir von uns Preis, was halten wir verborgen – ist das alle nur eine große Täuschung?
Ammaniti schreibt unterhaltsam mit einem guten Humor, und er nimmt kein Blatt vor den Mund, legt den Finger in jede Wunde. Was bleibt, wenn man nackt vor einem Spiegel aus Angst und Lügen steht?

Ich freue mich, dass der Eisele Verlag auch seine älteren Werke wieder als Taschenbuch aufgelegt hat und werde sicher noch etwas von ihm lesen.

Klappentext

Maria Cristina Palma führt ein scheinbar perfektes Leben, sie ist schön, reich, berühmt, die Welt dreht sich um sie. Dann bekommt sie eines Tages ein Video auf ihr Handy, das alles verändert. Es gibt ein Geheimnis in ihrer Vergangenheit, das keinesfalls an die Öffentlichkeit dringen darf. In dem Versuch, dieses Video geheim zu halten, dreht Maria Cristina fast durch. Und setzt in ihrer Panik eine Kette von Ereignissen in Gang, die sie selbst am allermeisten überraschen …
Der gefürchtete Blick der anderen auf uns, die Inszenierung unseres Lebens, die Heuchelei des Ganzen, unsere Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Liebe – mit Ironie, Scharfsicht und überraschenden Plot-Twists inszeniert Ammaniti den Menschen in seiner ganzen Lächerlichkeit und Grandiosität und entwirft dabei ein ebenso sezierendes wie brillant unterhaltendes Porträt unserer heutigen Welt.

Bibliografische Angaben

ISBN: 978-3-96161-169-0
Verlag: Eisele Verlag
Erscheinungsjahr: 27. Juli 2023
Übersetzung: Verena von Koskull
Seiten: 368, Hardcover

Über den Autor

Niccoló Ammaniti, geboren 1966 in Rom, ist einer der erfolgreichsten und international renommiertesten Autoren italienischer Sprache. Der wohl bekannteste seiner bisher acht Romane, der Weltbestseller Ich habe keine Angst gewann den Premio Viareggio, sein Roman Wie es Gott gefällt den Premio Strega. All seine Bücher wurden von international herausragenden Regisseuren für das Kino verfilmt, darunter Gabriele Salvatores und Bernardo Bertolucci. Auch Ammaniti selbst ist als Regisseur tätig. Er machte Furore mit der internationalen TV-Serie Ein Wunder, für die er auch das Drehbuch schrieb. Auch seinen dystopischen Roman Anna verfilmte er als Mehrteiler fürs Fernsehen. Nach längerer Schreibpause erscheint nun endlich sein neuer Roman Intimleben. Niccolò Ammanitis Werke wurden in 44 Sprachen übersetzt. Er lebt mit seiner Frau in Rom.

Avatar-Foto
Über ein.lesewesen 255 Artikel
Es kommt darauf an, einem Buch im richtigen Augenblick zu begegnen. Hans Derendinger

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*